Einst Mühle, heute Vettels Oase

KEMMENTAL. Das Domizil des Formel-1-Weltmeisters war einst ein Müllereibetrieb. In der Neumühle in Ellighausen mahlten Generationen von Müllerfamilien Getreide. Die Mühle wurde 1729 gebaut. Der letzte Müller verkaufte das Anwesen, weil eine Modernisierung zu teuer gewesen wäre.

Inge Staub
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Die Neumühle im Jahr 2009, als sie Sebastian Vettel kaufte. (Bild: Susann Basler)

Die Neumühle im Jahr 2009, als sie Sebastian Vettel kaufte. (Bild: Susann Basler)

«Was für ein Jahr für Sebastian Vettel: Nach dem vierten WM-Titel und dem Rekord von neun Grand-Prix-Siegen in Folge wird er nun Vater», schreibt «AutoBild». Der 26-Jährige und seine Lebensgefährtin Hanna Sprater würden im Kanton Thurgau in einem umgebauten Bauernhof – fernab vom Stress der Formel 1 – leben und dort die Ruhe geniessen, ist weiter zu lesen.

Renato Cieli aus Tägerwilen, Mitglied der Schweizer Mühlenfreunde, stösst sauer auf, dass immer wieder berichtet wird, dass Sebastian Vettel in einem Bauernhaus wohne. «Der Rennfahrer wohnt in einer ehemaligen Mühle», stellt Cieli klar.

Schnelle Autos gab es in der Neumühle schon vor Sebastian Vettel. Das Foto von 1977 zeigt Heinz Wahrenberger, Sohn des Müllers, mit seinem Lotus, seiner Frau Christa und seiner Mutter Alice. (Bild: privat)

Schnelle Autos gab es in der Neumühle schon vor Sebastian Vettel. Das Foto von 1977 zeigt Heinz Wahrenberger, Sohn des Müllers, mit seinem Lotus, seiner Frau Christa und seiner Mutter Alice. (Bild: privat)

Historische Aufzeichnungen und Aussagen von Zeitzeugen belegen, dass Renato Cieli recht hat. Sebastian Vettel wohnt in der Tat in einer ehemaligen Mühle, in der Neumühle in Ellighausen. Vor Vettel lebten mehrere Generationen von Müllern in der Neumühle. Der letzte Müller war Hermann Wahrenberger. Er kaufte die Mühle 1953 von Jakob Keller. Wahrenberger stammt aus Lamperswil, wo der Sohn seines Cousins noch heute einen Mühlenbetrieb führt.

Mehl für Bäckereien

Hermann Wahrenberger betrieb die Neumühle bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1984 als Kunden- (Selbstversorgung für Bauern) und Handelsmühle (Mehl für Bäckereien). «Die Mühle ist 1948 renoviert worden und war danach mit sehr moderner Technik ausgerüstet», erzählt der Sohn Heinz Wahrenberger. Er wuchs mit seinen zwei Schwestern in der Neumühle auf. «Das war wunderschön und sehr idyllisch. Wir waren dort für uns. Als Kinder konnten wir uns an den Bächen, in den Wäldern und an den Weihern vergnügen.»

Als Antrieb für das Mahlwerk dienten zwei Elektromotoren und eine kleine Turbine. Diese wurde mit dem Wasser des Furtibaches und der Bommer Weiher angetrieben. Getreide wurde von sieben Uhr morgens bis abends 19 Uhr gemahlen. «Das war interessant. Es war immer was los bei uns», erinnert sich Heinz Wahrenberger. Das Anwesen sei ausschliesslich als Mühle genutzt worden. Die Familie habe keine Landwirtschaft betrieben. «Das Land haben wir verpachtet.»

Mühle geht an Bankiers

Wie sein Vater erlernte auch Heinz Wahrenberger das Müller-Handwerk. Dass er den Mühlenbetrieb nicht übernahm, erklärt er so: «Der Betrieb war mit einer Leistung von 200 kg/h zu klein. In den 80er-Jahren entwickelten sich die Mühlen zu richtigen Industriebetrieben. Wir hätten umbauen müssen. Doch die Investitionskosten waren zu hoch.» Die Familie verkaufte die Mühle 1987 an die Bankiersfamilie Bär.

Heinz Wahrenberger, der heute 65 Jahre alt ist, ging zu Bühler nach Uzwil. Für dieses Unternehmen nahm er während acht Jahren weltweit Mühlen in Betrieb. Anschliessend unterrichtete er als Ausbildner bis zu seiner Pensionierung vor eineinhalb Jahren Kunden- und internes Personal in Müllereitechnologie.

Wasserrechte erworben

Ursprünglich gehörte zur Neumühle auch ein Landwirtschaftsbetrieb. Wie Hans Nater in seinem Buch «Die alten Mühlen im Thurgau» schreibt, erbaute 1729 Johannes Forster von Neuwilen die Neumühle. 1776 ist sein Sohn Ulrich Besitzer von Mühle und Hof. 1820 übernimmt Ulrichs Sohn Johann Jakob Forster die Mühle. Er ist Kantonsrat und Statthalter und kauft vom Spitalamt Konstanz die Bommer Weiher für 1600 Gulden. Damit gingen alle Wasserrechte an die Forsters über. Die Weiher sind um 1460 zwecks Nutzung der Wasserkraft für Mühlen künstlich geschaffen worden.

1843 wird die Neumühle von Jakob Forster, Sohn von Johann Jakob Forster, betrieben. Er verkauft sie an Johann Bommeli. 1872 wechselt die Mühle erneut den Besitzer. Sie geht an Ulrich Keller, den Sohn des Winkelbauern in Hugelshofen. Sein Sohn Jakob verkauft 1953 altershalber die Neumühle an Hermann Wahrenberger.