Einmal quer über den grossen See

Die seequerende Verbindung von Altnau, Immenstaad nach Hagnau ist sehr beliebt. Für beide Seiten bedeutet eine Überfahrt ein Abtauchen in die Ferien. Schweizer gehen essen, die Deutschen Velo fahren. Eine Reportage von Daniela Ebinger (Text und Bilder).

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Paul und Marianne Keller, Denise Menzi, Hans Moser und Otto Tschumi fahren in ein Restaurant nach Hagnau. (Bilder: Daniela Ebinger)

Paul und Marianne Keller, Denise Menzi, Hans Moser und Otto Tschumi fahren in ein Restaurant nach Hagnau. (Bilder: Daniela Ebinger)

Schiffskurs um 11.52 Uhr bei Altnau am Bodensee. Die Sonne scheint zu herbstlichen Temperaturen. Zahlreiche Gäste marschieren den langen Steg in Richtung Anlegestelle und besteigen das Kursschiff «Rhyspitz». 86 Personen drückt der Kapitän Ernst Reinmann auf seinem Zählerknopf. Er ist selbst erstaunt, dass auch nach den Sommerferien noch so viele Passagiere die Verbindung von Altnau über Immenstaad nach Hagnau nutzen. Einige bleiben stehen. Sie finden keinen Sitzplatz.

Mit dem anderen Ufer vertraut

Auch Heidi Bodmer steht im Gang und geniesst den Blick durchs offene Fenster. Sie reist das erste Mal mit diesem Schiffskurs in Richtung Deutschland und will von Immenstaad nach Hagnau marschieren. «Ich finde die Landschaft, die Natur und die ganze Gegend ennet des Sees einfach schön.» Für die Frau aus Fruthwilen ist es so etwas wie ein Heimweh-Ausflug. Sie wohnte früher in Langenargen. «Die Menschen sind zum Teil schon anders, meist offener als bei uns in der Schweiz», meint sie. Am meisten freut sie sich auf ein gemütliches Lokal mit netter Bedienung. Dabei muss für sie das Preis-Leistung-Verhältnis auch stimmen. Und das tut es am deutschen Ufer ja wohl.

Bis letztes Jahr galt die seequerende Verbindung bei der Schweizerischen Bodensee Schifffahrtsgesellschaft noch als Sonderfahrt. Dafür galten die Vergünstigungen wie GA und Halbtax nicht. Seit diesem Jahr ist der Schiffskurs im regulären Fahrplan integriert.

Rita Niedermann und Brigitta Egli beziehen beim Kassier Helmut Brunke ihr Billett. Die beiden Frauen aus Bronschhofen sind in Altnau auf dem Campingplatz Ruderbaum in den Ferien und wollen in Hagnau in einem Restaurant gemeinsam zu Mittag essen. Für sie ist es eine Entdeckungsreise in die Vergangenheit. Mit dem Vater setzte Brigitta Egli früher mit einem eigenen Schiff ans andere Ufer über. Dort kehrten sie jeweils in einem Restaurant einer Frau mit dem Vornamen Brigitte ein. Jetzt wollen die beiden Frauen das Lokal suchen und nachsehen, ob es die flotte Brigitte von einst dort immer noch gibt. Mit der Suche müssen sie sich noch 20 Minuten gedulden – solange dauert die Schifffahrt.

Jetzt legt das Schiff in Immenstaad an. Einige Fahrgäste steigen aus. Nur ganz wenige ein. Und weiter geht es am Ufer entlang nach Hagnau. Im Schnitt nutzen täglich rund 300 Passagiere den Kurs über den See. Mit 3868 Fahrgästen im Juli dieses Jahres waren es 1690 Fahrgäste mehr als im Jahr 2012.

Die Familie Mazenauer sitzt im Innern des Schiffs am runden Tisch. Für die Wirtefamilie ist dieser Mittwoch ihr Sonntag. Sie bedienen oft Gäste von Hagnau. Daher fahren sie auch gerne zu ihren Nachbarn über den See und pflegen so Kontakt. Die Verbindung finden sie toll. Auch schätzen sie den direkten Einstieg in Altnau. «Früher waren wir nicht so oft mit dem Schiff unterwegs», sagt Rosmarie Mazenauer.

Nach Hagnau zum Fischessen

Paul Keller befindet sich mit seiner Frau und Freunden als Reiseführer auf dem Schiff. «In Hagnau ist die ganze Atmosphäre wie in den Ferien», schwärmt Keller. Seine Kollegen Denise Menzi aus Bernhardzell und Hans Moser aus Hauptwil sind gespannt, was sie erwartet. Sie waren noch nie drüben. Ihr Arbeitskollege Paul Keller findet den neuen Schiffskurs gar sensationell. «Der darf noch zünftig ausgebaut werden», sagt der Bischofszeller. Er wünscht sich vor allem einen Fahrplan bis in den späten Abend.

Die Leinen sind festgemacht, und viele Fahrgäste steigen in Hagnau aus. Mit Velo ausgerüstet, machen sich nun einige Passagiere von Hagnau auf den Weg zur Schweizer Seite. Nur noch halb so voll geht es in Richtung Altnau zurück.

Ursula und Günther Vornholt nehmen ganz vorne beim Bug des Schiffes Platz. Das Ehepaar ist in Hagnau in den Ferien. «Wir waren vor 30 Jahren schon mal hier, und es hat sich baulich sehr verändert», sagt die Frau aus Mühlheim an der Ruhr. Sie sassen zufällig auf der Anlegebrücke, als das Kursschiff kam. Kurzentschlossen entschieden sie sich für den Ausflug in die Schweiz. «Wir machen den Ausflug völlig unvorbereitet und sind gespannt, was uns in Altnau erwartet.» Auf dem Heimweg sind Desirée und Thomas Kösser. Das Ehepaar aus Luzern macht in der Ostschweiz Ferien. Sie waren von Meersburg bis nach Hagnau zu Fuss unterwegs. Für nächstes Jahr planen sie, mit dem Fahrrad an den Bodensee zu kommen.

Familie Buck ist bereits mit Velos unterwegs. Für sie geht es Richtung Immenstaad. Das Schiff legt ab. Die vierköpfige Familie machte von Altnau nach Kreuzlingen eine Velotour. Der dreijährigen Luis schwärmt vom grossen Spielplatz am See. Seine 14jährige Schwester Laura meint: «Auf der anderen Seite ist es richtig Ferien.» Den Eltern gefallen die Fahrradwege in der Schweiz viel besser.

Auch das Ehepaar Klaus und Ute Kupczyk ist gerne mit dem Fahrrad in der Schweiz unterwegs. Sie verbringen ihre Ferien in ihrer Ferienwohnung in Immenstaad. «In der Schweiz ist es einfach nett, und die Wege sind zum Fahrradfahren viel angenehmer und nicht so überfüllt», sagt der Mann aus Köln und lobt zudem den Schweizer Wurstsalat.

An einem kleinen Tisch im Restaurant sitzt das Ehepaar Franz. «Als wir das letzte Mal eine Rundfahrt gemacht haben, hatten wir Regen», sagt die Frau aus Altnau. Sie sind gerne mit dem Schiff auf dem See unterwegs und werden sitzen bleiben, bis das Schiff wieder in Altnau anlegt.

Für Restaurant ans andere Ufer

«Auf diesem Kurs ist eine Rundfahrt keine Seltenheit», sagt Mägi Lischi. Die Frau aus Arbon führt auf der «Rhyspitz» seit Beginn vor vier Jahren die Gastronomie. Sie gibt den Fahrgästen gerne Tips mit auf ihren Ausflug. «Die Gäste sind immer gut gelaunt. Ich liebe meinen Job.»

Für die laufende Saison mag sie sich an keine leere Fahrt erinnern. Der Kassier Helmut Brunke bezeichnet den Schiffskurs sogar als «Fresstürli». Wobei er beobachtet, dass mehr Leute zum Essen von Altnau ans deutsche Ufer reisen als umgekehrt. Und er hat gleich einen Tip parat: «Die Schweizer Seite könnte mehr machen aus ihrem Ufer.»

Das Schiff hält in Altnau an. Konrad und Klara Tanner begeben sich mit einem Handwagen voller Hagnauer Wein zum Ausgang. Das Ehepaar aus Flawil war letztes Jahr zum ersten Mal in Hagnau. «Es ist ein herziges Winzerdorf mit einer schönen Atmosphäre», sagt Konrad Tanner. Ihren Einkauf von feinen Hagnauer Tröpfchen haben sie mit einem feinen Essen ennet dem See verbunden.

Ursula und Günther Vornholt aus Mühlheim an der Ruhr haben sich spontan für die Schiffsfahrt entschieden.

Ursula und Günther Vornholt aus Mühlheim an der Ruhr haben sich spontan für die Schiffsfahrt entschieden.

Rita Niedermann und Brigitta Egli zahlen bei Kassier Helmut Brunke.

Rita Niedermann und Brigitta Egli zahlen bei Kassier Helmut Brunke.

Desirée und Thomas Kösser aus Luzern machen Ferien.

Desirée und Thomas Kösser aus Luzern machen Ferien.

Mägi Lischi führt das Restaurant auf dem «Rhyspitz».

Mägi Lischi führt das Restaurant auf dem «Rhyspitz».