Einheitsbrei für die Liebe

Valentinsschatz

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Da steht es, das liebe Kind. Vor dem Buffet des Migros-Restaurants in Frauenfeld, Mittagszeit, ausgerechnet Valentinstag, und starrt den rot gefärbten Kartoffelstock an. Liebesmotto bis in die letzte Beilage. «Ich habe keinen Valentinsschatz», sagt dieses fremde Mädchen und schaut mich an, und ich entgegne: «Ist doch gar nicht schlimm, oder?» Nein, findet das Mädchen, gar nicht.

Dann fängt es an, vorzurechnen. Acht Jahre Zeit noch, acht Jahre bis... «Ja, bis was, dann?», frage ich sie, «noch acht Jahre, dann bin ich 18 Jahre alt», zehn sei sie jetzt, und dann, wenn dann mal 18 Jahre alt, und das Leben dann so richtig ernst wird und erwachsen, «dann kann ich ein Auto kaufen, mich endlich schminken und hohe Schuhe anziehen», sagt es und schielt rüber zu seinem Kinderteller, der gerade beladen wird. Ich schaue an mir runter und versuche, ihr zu erklären, dass meine Schuhe auch Mädchenschuhe sind, aber viel bequemer, aber vielleicht ist das auch nur eine Lüge, weil ich meinen Rücken spüre, jeden Tag älter werde und schon lange weiss, dass Frauen die Typen im Alter nicht mehr mit Sex behalten, sondern mit tiefen Gesprächen und guter Bratensauce.

Und eigentlich sieht dieses Mädchen gar nicht so aus, als würde es nur auf die Trilogie Auto – Schminke – hohe Hacken warten, mit seiner lauten Stimme und seinem festen Blick, den kurzen Haaren und der klaren Anweisung an den Koch, er solle einen Pfirsich neben das Schnitzel legen. Lange, schöne Haare, das sei toll, und in die hohen Schuhe ihrer Mutter passe sie schon fast rein, sagt das liebe Kind dann, nimmt seinen Teller mit dem Schnitzel und Nudeln und würdigt den roten Kartoffelstock keines Blickes mehr. Wer braucht schon Valentins-Beilagen für die Liebe? Hohe Hacken reichen vollkommen aus.

Anna Miller