Einheimischer vs. Unabhängigen

In Berlingen wird bald ein neuer Gemeindeammann gewählt. Es kandidieren Jürg Hurter und Peter Koster. Während der eine schweizweit das Rauchen im öffentlichen Raum bekämpft hat, ist der andere Wirt.

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Verstehen sich gut: Die beiden Gemeindeammann-Kandidaten Peter Koster (l.) und Jürg Hurter streiten trotz Wahlkampf nicht miteinander. (Bild: Donato Caspari)

Verstehen sich gut: Die beiden Gemeindeammann-Kandidaten Peter Koster (l.) und Jürg Hurter streiten trotz Wahlkampf nicht miteinander. (Bild: Donato Caspari)

Wie kommen Sie miteinander aus?

Jürg Hurter: Wir haben miteinander keine Probleme.

Peter Koster: Wir haben im «Hirschen» schon eine Weile zu den Essenszeiten das Nichtrauchen eingeführt. Wir sind alle Nichtraucher. Ich denke, das neue Gesetz wurde im Thurgau so umgesetzt, dass noch Freiraum bleibt. Damit kann jeder leben.

Herr Hurter, wie könnte sich Ihr Engagement als Pro-aere-Präsident auf Ihre Wahlchancen auswirken?

Hurter: Positiv.

Wer genau hinschaut, merkt, dass sich da jemand für das Gemeinwesen engagiert, und das seit Jahren mit einem kleinen, schlagkräftigen Stiftungsrat. Wir haben selber Geld und Gönner beschafft, wir haben den Handlungsbedarf aufgegriffen und eine gangbare Lösung aufgezeigt. Wir haben ein Problem gelöst. Da kann man nur sagen, da ist einer, der sich einsetzt und etwas Positives macht.

Warum kandidieren Sie als Gemeindeammann?

Koster: Ich bin vertraut mit dem Dorf. Es gibt viele Faktoren, die den Ausschlag gaben: Es ist das Vertrauen der Menschen, die auf mich zugekommen sind. Ich habe meine Fähigkeiten und Möglichkeiten abgewogen und dann gesagt: Ich trete an. Ich bringe differenziertes Denken mit sowie den ökonomischen Sachverstand, um eine Gemeinde haushälterisch zu führen. Es soll auch eine echte Wahl für den Bürger geben. In einer kleinen Gemeinde müssen sich Menschen engagieren und Verantwortung übernehmen.

Hurter: Ich bin ebenfalls angefragt worden. Wenn ich schon einen Abschluss in öffentlicher Verwaltung habe, gebietet es fast die Berufsehre, dass ich schaue, ob dieses Amt etwas für mich ist. Es kommt hinzu, dass monatelange ein Nachfolger für Gemeindeammann Kasper gesucht wurde. Ich habe auch kandidiert, damit aus dem Vakuum heraus sich niemand genötigt fühlt, ein Amt zu übernehmen, das er im Grunde nicht ausüben will.

Was hat eigentlich Ihren Sinneswandel hervorgerufen, Herr Koster, noch in letzter Minute zu kandidieren?

Koster: Das ist ein Amt, bei dem man in der Öffentlichkeit steht und das auch eine Bürde darstellt. Meine Entscheidung hat Zeit gebraucht und sich erst zu einem späten Zeitpunkt geklärt.

Welches sind Ihre Visionen für Berlingen?

Koster: Der Gemeinderat ist ein kollegiales Gremium, das gemeinsam Ziele entwickelt. Ein Thema in Zukunft könnte ein Alterskonzept sein.

Es braucht Wohnraum für alte Leute. Bislang war das mit dem Neutal als Altersheim kein drängendes Problem.

Hurter: Das übergeordnete Anliegen, das wir hier haben, ist: Unser Paradies erhalten, festigen und ausbauen. Ich bin gezielt nach Berlingen gezogen, weil es mir hier gefallen hat. Wer einen schönen Ort sucht, der eine gute Verkehrsanbindung und Lebensqualität auf höchstem Niveau bietet, der kommt nach Berlingen. Die Bevölkerung fordert, dass Berlingen auf 1000 Einwohner wächst und selbständig bleibt.

Wollen Sie auf Immobilienmessen für Berlingen werben?

Koster: Das braucht es nicht. So wie Herr Hurter entschieden hat, hier zu wohnen, werden das auch andere tun. Die Zahl 1000 Einwohner kommt zustande, weil dann die Infrastruktur optimal ausgelastet ist. Das ist eine realistische Grösse, das hat auch mit der Sicherung der Schule und des Kindergartens zu tun.

Hurter: Was in Berlingen in Zukunft fehlen könnte, sind Entlastung vom Schwerverkehr und Alterswohnungen. Als Gemeinde kann man den Anreiz dazu geben. Wir haben Bauland beim Bahnhof.

Koster: Der Bahnsteig ist rollstuhlgängig.

Hurter: Die Gemeinde kann so ein Projekt anstossen, wenn es den Bedarf gibt – das ist keine «Bauchfrage». Das ist eine Frage des Abklärens.

Koster: Die Denk- und Kopfarbeit ist, was mich herausfordert.

Hurter: Ich meinte Kopfarbeit im Gegensatz zum Bauchgefühl.

Koster: Im politischen Prozess braucht es noch den Leidensdruck. Man kann sich in so einer Gemeinde sehr viel Arbeit machen. Kommt man aber mit einem richtigen Lösungsansatz zum falschen Zeitpunkt, dann scheitert das an der Gemeindeversammlung. Da braucht es Gespür für die Bevölkerung und das Vertrautsein mit den Menschen.

Wie nehmen Sie am Dorfleben teil, und wie präsent wollen Sie als Gemeindeammann sein?

Koster: Ich bin in Berlingen aufgewachsen und hier zur Schule, gegangen, bevor ich die Kanti in Kreuzlingen besuchte. Als Wirt verfüge ich über sehr viel Kontakt mit den Leuten, das schafft viel Vertrautheit. Wenn ich als Gemeindeammann gewählt würde, wäre ich die ganze Woche im Dorf präsent.

Hurter: Ich habe auch einen interessanten Vorteil: Ich muss mir nicht einmal Mühe geben, dass ich unabhängig bin. Ich bin es einfach. Ich habe keinen einzigen Kunden im Dorf, ich bin mit niemandem verbandelt oder verschwippschwägert. Ich muss mir nicht einmal Mühe geben, dass ein Bürger genauso viel bekommt wie alle anderen. Was meine Präsenz angeht: Ich habe mein Büro in Berlingen. Wenn es brennt, bin ich da.

Koster: Was ich ausschliessen kann, ist, dass ich aus Eigennutz kandidiere. Das zeigt mein bisheriges Leben. Ich will auch nicht Karriere machen.

Gemeindeammann Heinz Kasper hat ein 30-Prozent-Pensum. Können Sie die Zeit erübrigen?

Hurter: Das habe ich scharf überlegt. Ich bin selbständig und kann weniger Kunden betreuen, so dass das funktioniert.

Koster: Im Winter habe ich sowieso Kapazität, weil wir unsere Mitarbeiter ganzjährig beschäftigen. In der Saison kann ich flexibel reagieren.

Interview: Gudrun Enders