«Einen Brief hätte ich zerrissen»

Begegnung mit Maurus Candrian, der seit Bekanntwerden seines menschenverachtenden Mails in der öffentlichen Kritik steht und um seine Stelle bei der kantonalen Bauverwaltung fürchten muss. Er bereut nun seine Aussagen.

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Mit Furor gegen Unrecht: Maurus Candrian im Januar 2010 am Wenigerweier ob St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Mit Furor gegen Unrecht: Maurus Candrian im Januar 2010 am Wenigerweier ob St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Diesmal war es ein Brief, wohl bedacht, eingeschrieben. «Ich sehe ein, dass ich mich in den Formulierungen völlig vergriff», schrieb Maurus Candrian am Montag an die israelische Botschaft in Bern und an den Israelitischen Gemeindebund in Zürich. «Ich möchte mich bei allen Menschen jüdischer Volkszugehörigkeit in aller Form, wirklich ehrlich gemeint, entschuldigen.»

Candrian weiss, dass es mit der Entschuldigung nicht getan ist. Er werde sich «künftig klar moderater und konstruktiver verhalten», versichert er im Brief. In den Gesprächen mit seinen Chefs ist er weiter gegangen und hat den Verzicht auf politische Äusserungen versprochen – wie und wo auch immer, in Online-Kommentaren sowieso. Ob der Leiter der kantonalen Fachstelle für Umweltverträglichkeitsprüfungen im Baudepartement seine Stelle behalten kann, steht auf der Kippe. Zumindest mit einem scharfen Verweis, einer Rückstufung und Verhaltensvorschriften muss der Sektionsleiter rechnen.

Wie geht es einem Mann, langjährigem St. Galler Stadt- und Kantonsparlamentarier, der seit Sonntag am selbstverschuldeten Pranger steht und den Gang auf die Strasse seither wenn möglich vermieden hat? Der Druck, unter dem er steht, ist Maurus Candrian nicht anzumerken, wie er im Restaurant der Tonhalle – sein Vorschlag – zur Begrüssung einen Spruch riskiert: «Sie sehen: weisses Hemd, schwarze Seele, den Umständen entsprechend.»

Der Fluch der schnellen Taste

Der Humor ist dem Altstätter Lehrersohn nicht ganz vergangen, auch wenn es derzeit nichts zu lachen gibt. Wie es ihm gehe? Er runzelt die Stirn, zuckt mit den Schultern. «Glauben Sie mir, wäre es ein Brief gewesen, ich hätte ihn zerrissen. Ich kenne mich. Ich musste noch jeden Leserbrief zwei-, dreimal überarbeiten, um ihn abzukühlen.»

«Völlig inakzeptabel.» Candrian hadert mit den Sätzen, die er an jenem Julitag nach dem Attentat auf den israelischen Touristenbus absonderte. «Grauenhafter Sch . . .» Er weiss nicht mehr, wann er das E-Mail versandte («vermutlich am Abend»), nur, dass er es sofort löschte. Er spricht vom «Fluch der modernen Medien» und von «viel zu früh auf die Senden-Taste gedrückt», er habe noch die Bilder einer Fernsehreportage zum letzten Gaza-Krieg vor Augen gehabt, «als mehr als 1300 Palästinenser umkamen und Juden aus aller Welt das Geschehen von Ferne beobachteten und bei jeder Bombe, die auf Gaza fiel, jubelten. Ich wollte Israel respektive der Botschaft signalisieren: seht, jetzt sind auch einmal jüdische Zivilpersonen umgekommen, warum rauft ihr euch nicht endlich, nach 70 Jahren Krieg und permanenten Konflikten in Nahost, zu einer für alle Seiten akzeptierbaren Friedenslösung zusammen?»

Zudem befand er sich in jener Zeit in einer «schweren Beziehungskrise», auch das steht in seinem Brief, «nicht als Entschuldigungsversuch, nur als Hinweis». Die Scheidung mit der marokkanischen Frau lief; die Trennung schmerzte, nagte, raste im Gemüt. Mehr will er dazu nicht sagen.

Kriege treiben ihn zur Raserei

Was ihn besonders trifft, ist der Vorwurf, ein Rassist zu sein. «Nie und nimmer», sagt er entsetzt. «Wenn ich meine Brust aufreissen könnte, würde ich es tun. Nur schon dass ich drei jungen Menschen in der Ukraine, in Russland und in Marokko massgeblich ihr Hochschulstudium finanziert habe, muss doch zeigen, dass ich nicht Rassist bin.» Bekannte Candrians bestätigen dies einstimmig: Er sei «kein Rassist, kein Fremdenhasser», auch wenn er in seinen «verbalen Sturmläufen» überborde. In Online-Kommentaren finden sich Äusserungen Candrians, wo er sich für «prononcierte Formulierungen im orangen Grenzbereich» ausspricht, aber klar stellt: «Holocaust-Leugner sind für mich Idioten und Verbrecher.»

Ebenso wenig sei er «in keinster Weise Antisemit», zumal er in seinem Bekanntenkreis «zahlreiche Juden habe». Die Familie stehe zu ihm, heisst es, aber zum Fall will niemand Stellung nehmen; nicht seine drei Schwestern, nicht die Eltern im Bündnerland. Am Telefon mit Verwandten ist das Mitleiden greifbar, der Grundton stets ähnlich; er sei «ein Guter», der sich durch seine Ausbrüche selber diskreditiere.

Woher Candrians Furor, sein heiliger Zorn? Er verzieht das Gesicht, meint, er sei kein blinder Eiferer. «Wenn es um Krieg und Völkermord geht, sehe ich rot und gehe scharf drein. Bei normalen Themen aber bin ich nicht extrem.» Mit erstaunlichem Erinnerungsvermögen nennt der Ex-Politiker parlamentarische Prozesse, Kommissionsentscheide, Detaildiskussionen, wo er bei der Lösungsfindung mithalf. Nicht selten, etwa bei der St. Galler Bauordnungs- und Zonenplanrevision, spielte als pragmatischer Christlichsozialer (CSP) das Zünglein an der Waage zwischen den zerstrittenen Fraktionen von Rotgrün und Rechtsbürgerlich.

Er habe oft vermittelnd zwischen den Fronten gestanden. «Wäre ich extrem, hätten mich die Schwarzen, inklusive Wirtschaftsflügel, doch nicht zum Fraktionspräsidenten gewählt.» Und als er nach 30 Jahren in der CVP 2006 aus der Partei austrat, weil er sich als Freidenker und Atheist nicht mehr mit dem christlichen Weltbild der C-Partei identifizieren konnte und vergeblich auf eine Modernisierung gehofft hatte, da buhlte nicht nur der damalige SP-Fraktionschef Fredy Fässler, sondern auch FDP- und SVP-Exponenten um den Politiker mit Bau- und Umwelt-Fachwissen.

Unbestritten seine berufliche Kompetenz, unbestritten auch sein Einsatz für die Natur, lange im St. Galler Naturschutzverein und bis heute im Vorstand der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft, viel Schnauf brauchte die Realisierung eines Naturwegs. Er engagiere sich «immer 150prozentig», zeige «viel Zivilcourage», benenne «auch Unangenehmes», sagt ein Weggefährte. Dass er sich oft «verrennt», habe mit der Leidenschaft zu tun und mit «seinem sozialen Gewissen und guten Gespür für Ungerechtigkeiten, die ihn dann masslos aufregen können».

Läufer mit zu viel Energie

Von «überschüssiger Energie», von einem «Getriebenen, der zuweilen überkocht», sprechen Freunde und entfernte Bekannte. «Ich bin ein Läufer», sagt der frühere Grenadier im Militär dazu. Er rannte mehrfach den Swiss Alpine Marathon, die doppelte Marathondistanz mit 2500 Höhenmetern, eine Grenzerfahrung. Sein zweiter Sport ist Tennis – und das spielt er dann am besten, wenn er eine Zerrung habe, weil er dann nicht so viel rennen könne. Auch dies ein Bild für den Überschuss an Energie, der hinderlich sein kann. Einmal im Lauf, können «ihm die Sicherungen durchgehen», bedauert ein Bekannter. Aber Candrian sei «alles andere als ein Rassist», eher «ein übereifriger Humanist». Dies belegten sein Mitwirken im Komitee gegen die Verschärfung des Asyl- und Ausländergesetzes, seine Leserbriefe gegen das Minarettverbot und andere Diskriminierungen von Ausländern. «Maurus nimmt stark Anteil am Weltgeschehen, insbesondere am Ausweglosen, was zu einem komplexen Frustverhalten führt», sagt ein Freund, «so war seine Frustration enorm, dass nicht einmal das Weltgericht, die UNO, dem Elend, auch im Nahen Osten, Einhalt gebieten kann.»

Wann hat sein Kampf gegen das Unrecht begonnen, wann ist er in den Frust gekippt? Eines weiss er: «Der Ausbruch des Irak-Krieges hat mich stark beschäftigt. Ich konnte nächtelang nicht schlafen, musste Rätsel lösen und Sprachen büffeln, bis ich etwas Ruhe fand. Aber ich habe, damals wie heute, keine Medikamente genommen.» Fürs Weltgeschehen hat er sich schon als Bub interessiert, «bäuchlings auf dem Stubenboden die Zeitung gelesen», blieb aber in Kanti-Jahren in Sargans, als sich Kollegen über die Pinochet-Diktatur empörten, «als Rheintaler strammbürgerlich und katholisch brav». Auch in der Studienzeit, an der ETH Zürich, keine Demos und Exzesse, sondern «sogar in der Bibelgruppe». Den Einstieg in die Politik machte der Forstingenieur in Basel: CVP Arlesheim, später als Bundesbeamter in Bern CVP Ostermundigen. Nein, zorniger Rebell, das war der junge Candrian nie. Jedoch ein Tierfreund mit Gewissen: Er erinnert sich ans Forellenfischen in Rheintaler Rietbächen. «Während meine Kollegen die Fische töteten und assen, habe ich sie nachts wieder in den Bach gebracht.»

Und jetzt – ein Ausgestossener, der auf sein Urteil wartet, sein zweites. Im Dezember hatte ihm die St. Galler Staatsanwaltschaft eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen und 1200 Franken Busse aufgebrummt (nicht 25 000 Franken, wie die «Sonntags-Zeitung» berichtete). Wird er zusätzlich am Arbeitsplatz bestraft? Beim Kanton sind die Meinungen geteilt, der Baudirektor ringe mit sich, wie Insider wissen. «Mich dünkt die rote Karte angezeigt statt des Fallbeils», hofft ein Kollege, der wohl für manche Bekannten spricht.

«Das Leben wird weitergehen, so oder anders», sagt Candrian und murmelt «Steibocktschingg», der Übername für Bündner Dickschädel. Sprüche, typisch Rheintaler, mögen dem kinderlosen 55-Jährigen in der Ungewissheit helfen. Der Ruf ist schwer beschädigt. Aber wenn er sein Engagement für den Weltfrieden oder für arme Studenten betont, schmunzelt er wieder: «Als Atheist kann ich mir keinen Heiligenschein wachsen lassen.» Marcel Elsener

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