Einen Ammann gibt es noch

Der Begriff Gemeindeammann ist veraltet: Ab heute heissen die Gemeindeoberhäupter Gemeindepräsident oder Gemeindepräsidentin. Die einen freuen sich, andere finden es schade. Einen Gemeindeammann gibt es aber noch.

Michèle Vaterlaus
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Das Gemeindepräsidenten-Türschild von Walter Schönholzer hängt schon seit einem halben Jahr. (Bild: Nana do Carmo)

Das Gemeindepräsidenten-Türschild von Walter Schönholzer hängt schon seit einem halben Jahr. (Bild: Nana do Carmo)

FRAUENFELD. Ab heute hat der Kanton Thurgau 80 Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten. Schluss ist mit der Bezeichnung Gemeindeammann. Die Funktion bleibt zwar dieselbe, trotzdem müssen die Amtsinhaber einiges ändern: Visitenkarten, Türschilder, E-Mail-Adressen, und nicht zuletzt muss die Gemeindeordnung angepasst werden.

Auf der Stadtverwaltung in Romanshorn liegt eine ganze To-do-Liste auf. Eilig mit den Änderungen hat es Stadtpräsident David H. Bon aber nicht. «Ich war gerne Stadtammann. Ich bin kein Präsident», sagt er und schmunzelt. Vorzu werde aber alles angepasst, so, wie es das Gesetz verlange. In seiner Stadt wird es die zweite Anpassung der Gemeindeordnung in kurzer Zeit. Denn erst letztes Jahr hat man Begriffsänderungen vorgenommen, weil Romanshorn seit Mai 2014 offiziell eine Stadt ist und somit einen Stadtrat und keinen Gemeinderat mehr hat. «Wir haben damals bei der Überarbeitung die Bezeichnung <Stadtpräsident> nicht übernommen, weil das Thema im Grossen Rat noch nicht durch war», erklärt Bon.

Keine Missverständnisse mehr

Walter Schönholzer, Gemeindepräsident von Kradolf-Schönenberg, war wie Bon gerne Gemeindeammann. Sein Türschild hat er aber schon vor einem halben Jahr geändert. «Wir haben einen Umbau bezogen und vorausblickend die Namensschilder angepasst.» Stempel und Visitenkarten würden noch den Titel Gemeindammann tragen. «Die Visitenkarten werde ich aber nicht wegwerfen, sondern aufbrauchen und damit Kosten sparen.» Seine Visitenkarten nicht anpassen muss Kurt Baumann, Gemeindepräsident von Sirnach. «Dort steht schon lange <Gemeindepräsident>.» Das habe aber nichts mit seinen Berner Wurzeln zu tun. «Sirnach liegt zwischen den Kantonen St. Gallen und Zürich, und wir haben viel Kontakt zu Vertretern dieser Kantone, beispielsweise wegen der Fluglärmdiskussion», erklärt er. «Und dort kennt man nun mal den Begriff Gemeindeammann nicht.» Der Ammann sei in Zürich ein Betreibungsbeamter.

Diesen Punkt spricht auch Fabienne Schnyder, Gemeindepräsidentin von Langrickenbach, an. Die neue Bezeichnung sei einfacher und unmissverständlich. In Langrickenbach ist sogar bereits die Gemeindeordnung angepasst: «Wir haben sie gerade revidiert und den Begriff übernommen», sagt Schnyder. «Wahrscheinlich sind wir die erste Gemeinde im Thurgau, welche die Gemeindeordnung geändert hat.» Grund zur Eile gibt es diesbezüglich aber nicht: Die Gemeinden haben eine Frist von drei Jahren, um die Gemeindeordnung anzupassen.

Die Zeit nimmt sich Elisabeth Engel, Gemeindepräsidentin von Uesslingen-Buch, gerne. Sie gibt den Titel Frau Gemeindeammann nämlich nur mit Wehmut ab: «Ich habe ihn nie als diskriminierend für Frauen empfunden. Der Name ist einfach ein Stück Thurgauer Tradition.» Engel hatte sich bereits 2012 gegen die Änderung gewehrt, als eine Motion der Grünen-Kantonsrätin Silvia Schwyter, die mittlerweile in Schweden lebt, das Thema aufgriff. «Ich lasse mein Türschild mit der Bezeichnung Frau Gemeindeammann noch hängen. Als kleiner, sanfter Protest», sagt Engel und lacht. «Im Ernst: Auch wir werden alles überarbeiten.»

Eine Skulptur

Einen Gemeindeammann gibt es im Thurgau aber auch nach diesem 1. Juni 2015 noch: Er steht seit heute in Weinfelden vor dem Haffterhaus. Es ist eine Skulptur von Steinmetz Didi Paffrath, die den Namen «Der Gemeindeammann» trägt.

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