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Eine urbane islamische Thurgauerin

Aliye Gül bekennt sich als einziges Mitglied des Thurgauer Grossen Rats zum islamischen Glauben. Die Romanshornerin mit türkischen Wurzeln wehrt sich gegen das Vorurteil, der Islam unterdrücke die Frauen. Dass Männer Frauen unterdrücken, hänge nicht von der Religion ab.
Katrin Zürcher
Als moslemische Frau hat sich Aliye Gül im Grossen Rat gegen das Vorurteil der Frauenunterdrückung im Islam gewehrt. (Bild: Reto Martin)

Als moslemische Frau hat sich Aliye Gül im Grossen Rat gegen das Vorurteil der Frauenunterdrückung im Islam gewehrt. (Bild: Reto Martin)

Aliye Gül, haben Sie schon einmal einen Schleier getragen?

Aliye Gül: Nein. Nicht einmal ein Kopftuch. Seit Generationen tragen die Frauen meiner Familie weder Schleier noch Kopftuch.

Ist das nicht ungewöhnlich in der Türkei, wo Sie geboren sind?

Gül: Nein, ist es nicht. In Antakya, wo ich bis zu meinem 10. Lebensjahr aufgewachsen bin, sieht man auch heute nicht viele Frauen mit Kopftuch. Es ist eine städtisch geprägte Region, in der das Zusammenleben verschiedener Religionen Tradition hat. Ich bin Sunnitin, aber es leben dort auch Aleviten, Christen und Juden. In meiner Familie wird seit jeher ein liberaler islamischer Glaube gelebt.

Was halten Sie von Frauen, die sich hierzulande verschleiern?

Gül: Frauen mit Burka oder Tschador passen nicht zu unserem Lebensstil. In der Schweiz muss sich keine Frau aus religiösen Gründen verschleiern. Wenn sie es doch tut, geschieht es aus Gewohnheit oder weil sie ein Zeichen setzen will. Mit dem Kopftuch hingegen habe ich keine Mühe. Viele moslemische Frauen tragen es aus Tradition als Schmuck oder modisches Accessoire, so wie ich vielleicht einen Hut trage.

Schleier oder Kopftuch deuten also nicht auf eine Unterdrückung der Frau hin?

Gül: Das Tragen eines Ganzkörperschleiers mag in gewissen arabischen Ländern nicht freiwillig geschehen. Aber es liegt nicht am islamischen Glauben, wenn Frauen unterdrückt werden. Im Gegenteil: Eine Sure des Korans widmet sich den Rechten und Pflichten der Frau, eine andere fordert die Männer zum respektvollen Umgang mit ihren Frauen auf.

Sie haben sich am 12. Februar im Grossen Rat gegen das Vorurteil der Frauenunterdrückung im Islam gewehrt. Sie sagten, dass Sie als moslemische Frau weder unterdrückt noch geschlagen noch in ihrer Freiheit eingeschränkt würden.

Gül: Genau. Wenn Religion als Unterdrückungsmittel angesehen wird, geht es lediglich um Macht, die Männer über Frauen ausüben wollen. Von Männern unterdrückte Frauen gibt es leider überall, auch hier. Das ist unabhängig von der Religion.

Ihr Votum stand im Zusammenhang mit der Diskussion um den Islamunterricht an der Schule Kreuzlingen. Finden Sie es sinnvoll, dass Religionsunterricht an der Schule erteilt wird?

Gül: Meiner Meinung nach sollten Religion und Schule getrennt werden. Wenn eine Schulgemeinde ihre Räume für Religionsunterricht zur Verfügung stellt, liegt das in ihrer Kompetenz. Das soll der Staat nicht verbieten dürfen, wie es der Motionär – zum Glück erfolglos – verlangte. Viel sinnvoller fände ich es, wenn im Rahmen des Schulunterrichts alle Religionen thematisiert würden. Wir können und dürfen uns dem Unbekannten nicht verschliessen, schon gar nicht mit Verboten.

Hatten Sie selbst Koranunterricht?

Gül: Nein. Als Kind wollte ich zwar in die Koranschule, aber mein Vater fand es nicht sinnvoll, dass man dort einfach den Koran auf Arabisch auswendig lernt. Um seinen Inhalt zu verstehen, müsste er übersetzt sein.

Prägt Ihre Religion Ihren Alltag?

Gül: Ich glaube an Gott, bin aber keine streng religiöse, praktizierende Muslima. Deshalb gehe ich auch nicht in die Moschee. Zu Gott beten und ihm danken mache ich auf meine Art. Das Essen von Schweinefleisch versuche ich zu vermeiden, jedoch verzichte ich nicht auf Alkohol.

Welche religiösen Werte haben Sie Ihren Kindern vermittelt?

Gül: Sie kennen die Grundwerte, die wichtigen Feiertage und die fünf Pflichten des Islams. Viele islamische Werte sind identisch mit den christlichen, so etwa die Gebote der Nächstenliebe und des Ehrens von Vater und Mutter oder dass man nicht töten oder stehlen darf. Das sind moralische Werte, die aber leider immer mehr vergessen gehen – in der islamischen wie in der christlichen Kultur.

Ihr Ehemann stammt wie Sie aus der Türkei und ist Moslem. Was würden Sie sagen, wenn Ihre Kinder andersgläubige Partner heiraten wollten?

Gül: Weder für meinen Mann noch für mich wäre das ein Problem; wir sind da völlig offen. Wo die Liebe hinfällt …

Wie fühlen Sie sich als Thurgauer Muslima in einem Land, das den Bau von Minaretten verbietet und in dem das Tessin ein Verhüllungsverbot gutheisst?

Gül: Grundsätzlich fühle ich mich gut als urbane Thurgauerin. Die Annahme des Minarettverbots hat mich enttäuscht. Ich bin auch nicht für den Bau von Minaretten, denn ohne Muezzin sind sie sinnlos. Aber das muss doch nicht in der Verfassung stehen. Und eine vollständig verschleierte Frau habe ich hier noch nie gesehen. Die Schweiz ist ein vorbildliches, demokratisches Land und sollte nicht mit Verboten regieren wollen.

Kritiker sagen, im Islam sei die Politik nicht von der Religion trennbar. Da müssten Sie also nach dem Koran politisieren.

Gül: Die Türkei ist das beste Beispiel für einen islamisch geprägten Staat, in dem Politik und Religion absolut getrennt sind.

Wie erklären Sie sich die hierzulande verbreitete Abwehrhaltung gegenüber dem Islam?

Gül: Mit Nichtwissen und Angst vor dem Unbekannten. Ich bin stolz darauf, hier zu leben und zu politisieren. Aber die Resultate solcher Abstimmungen – dazu gehört auch die ZuwanderungsInitiative – geben mir zu denken. Sie lösen keine Probleme, verursachen aber Unmut und Verunsicherung. Minderheiten mit Verboten auszugrenzen, finde ich unsinnig und beschämend.

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