Eine tierische Überraschung

In einem Kleiderschrank in Weiningen sind drei Schildkrötchen geschlüpft. Wie sie dorthin kamen und warum zwei Weibchen plötzlich Nachwuchs haben, davon erzählt diese Geschichte.

Evi Biedermann
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Der kleine Rahul Insolia und die Schildkrötenbabies seiner Nachbarin. (Bild: Evi Biedermann)

Der kleine Rahul Insolia und die Schildkrötenbabies seiner Nachbarin. (Bild: Evi Biedermann)

WEININGEN. «Lass sie liegen», sagte Cornelia Knöpfli zu ihrem Nachbarsbub und scherzte: «Nächstes Jahr, wenn Ostern ist, kannst du sie anmalen.» Das war Ende Mai, als der achtjährige Rahul in Knöpflis Garten in Weiningen vier weisse Eier entdeckte. Sie stammten von Knöpflis Schildkröten.

Keine bunten Ostereier

Aus den bunten Ostereiern wird nun nichts, denn vor drei Wochen krabbelte es in Rahuls Zimmer. «Ich war am Spielen, als ich am Boden plötzlich ein Schildkrötchen sah», erzählt er im Haus seines Vaters, den er alle zwei Wochen besucht. Die Geschichte mit den Eiern war längst vergessen. Und schon gar nicht konnte sich der Drittklässler vorstellen, was der Schlüpfling in seinem Zimmer zu suchen hatte. «Ich rannte sofort zu meinem Vater und zeigte ihm das Tierchen.»

Dieser hingegen wusste Bescheid, denn er selber hatte die Eier in Rahuls Schrank verstaut. Ostern ist ja noch weit weg, sagte sich Corrado Insolia damals, nachdem ihm sein Sohn die Eier gebracht und diese in der Küche zwei Wochen lang nutz- und zwecklos herumgelegen hatten. «Im Schrank waren sie an einem sicheren Ort», erinnert sich der Vater. Und zweifellos befanden sich die Eier auch in der optimalen Brutstätte. Vater und Sohn staunten nicht schlecht, als sie vor drei Wochen an den Ort des Geschehens eilten. Im Schrank krabbelte ein zweites Schildkrötchen herum, und ein drittes war eben daran, die Schale zu durchbrechen. Daneben lag die leere Hülle des ersten Schlüpflings. «Der ist aus dem Schrank gepurzelt», erklärt Cornelia Knöpfli, «anderthalb Meter tief auf den Fussboden.»

Fötus ist anfällig

Für die Weiningerin ist diese Naturbrut ein kleines Wunder. «Rahul und ich haben die Eier in der Giesskanne gewaschen, dabei ist eines ins Gras gefallen.» Als Besitzerin von zwei zehnjährigen Schildkrötenweibchen weiss sie, dass Eier, die zum Ausbrüten bestimmt sind, nicht gedreht werden dürfen. «Der Fötus könnte absterben.» Daher sollte man die Eier auf der Oberseite markieren, falls man sie dem Nest entnimmt, und sie nachher wieder mit dem Kreuz nach oben hineinlegen. Noch grösser als das Wunder ist für die Schildkrötenbesitzerin die Überraschung. «Ich habe ganz und gar nicht mit Nachwuchs gerechnet», meint sie lachend. Zumal sie zwei Weibchen hat. Diese leben in einem Freigehege, das einer Festung gleicht. Zudem habe sie nach einigen Versuchen, Eier auszubrüten, den Glauben an den Erfolg aufgegeben.

Täter in der Familie

Auf des Rätsels Lösung kam Cornelia Knöpfli erst nach einigem Nachdenken. Als «Täter» kommt für sie nur das Männchen ihrer Tochter in Frage, die ein Schildkrötenpärchen besitzt. «Die beiden kommen jedes Jahr zum Überwintern zu uns.» Für die drei je 14 Gramm schweren Babies gilt es nun erst einmal, fit und robust zu werden für ein selbständiges Schildkrötenleben. Bis sie «erwachsen» sind, dauert es etwa drei Jahre. Solange bleiben sie in der Obhut von Cornelia Knöpfli. «So kann ich sie immer besuchen, wenn ich hier bin», freut sich Rahul. Später muss für die Tiere aus Platzgründen ein neues Zuhause gesucht werden.