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Eine Thurgauerin im Gefängnis

Sie war Lehrerin, Pfarrerin, Sozialarbeiterin, Wahlbeobachterin. Heute ist sie Direktorin der Frauenstrafanstalt Hindelbank im Kanton Bern. Das Menschenbild der Thurgauerin Annette Keller ist geblieben: «Jeder Mensch ist wertvoll, widersprüchlich und entwicklungsfähig.»
Kathrin Zellweger
Trotz Gittern und Mauern lächelt Annette Keller, die Thurgauer Gefängnisdirektorin in Hindelbank. (Bild: Kathrin Zellweger)

Trotz Gittern und Mauern lächelt Annette Keller, die Thurgauer Gefängnisdirektorin in Hindelbank. (Bild: Kathrin Zellweger)

Hindelbank. Anstaltsdirektorin. Das heisst: Arbeit hinter hohen Mauern, immer in Angst, dass eine Insassin türmt, dass man von den Medien vorgeführt wird… Wenn dem so wäre, könnte Annette Keller ihre Arbeit nicht erfüllen. Das dem nicht so ist, weiss sie. Sie hat bis 2008 als Leiterin Vollzug in der Frauenstrafanstalt Hindelbank gearbeitet. Seit Juni ist sie nun Direktorin.

Ihre Stellung hat sich geändert, ihre Auffassung ist geblieben: etwa, dass eine Strafe nicht bloss abgesessen wird. Sie arbeitet daran, dass die Insassinnen einsehen, welche Konsequenzen ihre Tat für die Opfer hatte. «Ohne Einsicht und Mitgefühl kann ein Rückfall nicht verhindert werden.» Das Wichtigste ist Kellers Grundhaltung: Jeder Mensch ist entwicklungsfähig, trotz Widersprüchen und Rückfällen. «Hätte ich diese Zuversicht nicht, das Arbeiten hier würde schwierig.»

Woher ihr Menschenbild kommt

Ihr Menschenbild ist kein Überbleibsel aus ihrer Zeit als Pfarrerin in Urtenen-Schönbühl. Vielleicht hat sie es schon ins Lehrerseminar Kreuzlingen mitgebracht, als sie dort 1977 eintrat.

Die endgültigen Konturen ihres Menschenbildes schälten sich sicher im Theologiestudium heraus, das sie – wider Erwarten – in ein Pfarramt führte. «Ich bin keine Predigerin, meine Aufgabe ist das Leben», sagt die 50jährige Ermatingerin, die ihren Thurgauer Dialekt behalten hat.

Vor elf Jahren stieg sie ein für allemal von der Kanzel und begann in der Strafanstalt Hindelbank zu arbeiten. Zuerst war sie Betreuerin, dann Leiterin Vollzug. Berufsbegleitend absolvierte sie ihr Studium Sozialarbeit und machte den Master in Management in Luzern. So war ihr Rucksack gut gefüllt.

Sie geniesst freie Sicht

Vom Schloss aus, das nicht von Mauern, sondern von Zäunen umgeben ist, geht der Blick über Wiesen, Äcker und Wälder, wo habliche Berner Bauernhöfe stehen. «Eine Weite, die sich auf unsere Insassinnen positiv auswirkt.» Trotzdem ist die Hindelbank eine Zwangsgemeinschaft. Alle werden über den gleichen Kamm geschoren: «Das ist Teil des Freiheitsentzugs, aber auch ein Übungsfeld, um Rücksichtnahme, Integration und Solidarität zu lernen – eine grosse Aufgabe.»

Angetreten ist sie nicht, um alles umzukrempeln, sondern weiterzuentwickeln, was da war. «Mit der Zeit soll meine Handschrift jedoch sichtbar sein. An erster Stelle steht für mich die Wertschätzung, gefolgt von Klarheit und Verantwortung.» Bei allen drei Begriffen denkt Annette Keller sowohl an die Mitarbeitenden wie an die Strafgefangenen.

Das ist nicht naiv, sondern realistisch und erprobt. Etwa zwei Mal pro Woche hat die Direktorin selbst mit einer Insassin zu tun. «Wir haben eine flache Hierarchie mit drei Führungsebenen. Ich muss vor allem meine Mitarbeitenden befähigen, dass sie möglichst vieles selbst lösen können.»

Ob sie die Rolle einer Mutter übernehme? «Ich sehe mich eher als Hebamme, die begleitet.» Mitleid darf nicht sein, aber ohne Mitgefühl geht es nicht. «Mein Mass an Empathie misst sich an meiner Aufgabe und am Punkt, wo ich mir selbst schade.»

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