Eine Stadt sucht ihre Mitte

Ankunft und Abschied, Laden und Löschen: Romanshorn hat sich vom kleinen Fischerdorf zur Stadt mit dem Charme eines Überseehafens entwickelt – doch bis heute fehlt ein Stadtplatz.

Christoph Zweili
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Nur scheinbar harmlos: Das «Mocmoc» ist ein Spaltpilz. (Bild: Benjamin Manser)

Nur scheinbar harmlos: Das «Mocmoc» ist ein Spaltpilz. (Bild: Benjamin Manser)

ROMANSHORN. Reisende, die von Deutschland her heute den Bodensee an der breitesten Stelle überqueren und in den Süden reisen, finden in Romanshorn eine überzeugendere Visitenkarte vor als noch vor ein paar Jahren. Die Bemühungen am Hafen, dem grössten am «Schwäbischen Meer», machen sich bezahlt. Doch der Fremde, der nach dem Zentrum sucht, erntet noch immer ein Achselzucken. Die «Stadt am Wasser» hat keinen Stadtplatz, keine Mitte. Romanshorn ist eine Stadt auf der Suche nach ihrer neuen Identität. In den 1830er-Jahren auf dem Reissbrett des Ingenieurs Johann Jakob Sulzberger entstanden und auf grosse Dimensionen ausgelegt, hat sie die besten Zeiten hinter sich. Oder vielleicht wieder vor sich? Eine mit einem Platz definierte Stadtmitte aber fehlt.

Alles am falschen Ort

Klar gibt es Plätze in Romanshorn – grössere und kleinere. Der Bahnhofplatz zum Beispiel, ursprünglich einfach Vorplatz des 1855 fertig gebauten Bahnhofs, wurde bei seiner Neugestaltung eine Scharnierfunktion zwischen Ankunft mit dem öffentlichen Verkehrsmittel und den Ladengeschäften im unteren Stadtteil zugeschrieben. Doch das Scharnier lottert und macht keine gute Figur. Die Alleebäume sind zu nahe an den Fassaden, der Bahnhofkiosk ist auf der falschen Seite. Überdimensionierte Fahnen an langen Stangen decken die historische Fassade des über 160 Jahre alten Bahnhofgebäudes ab. Digitale Informationstafeln der Gemeinde künden auf hohen Stahlstelzen und groben Betonklötzen «Lohnmobil» und «Wochenmarkt» an. Wer Hotelunterkünfte sucht, die in der Stadt ohnehin rar sind, findet einen veralteten Stadtplan gut versteckt am Rand eines Restaurantgartens.

Hier, so das eigene Gefühl, ist alles am falschen Ort. Statt Weite macht sich ein Gefühl der Enge breit. Und Beklemmung. Es fehlt Wärme – ein Hauch von italienischer Piazza täte gut. Das machen auch die drei Restaurants am Platz nicht wett – alle wollen sie die Gäste zwar draussen auf dem Platz abholen, doch der Lockruf wird nicht verstanden. Die Stühle bleiben fast leer, obwohl die Sonne scheint. Dem Platz fehlt die Kraft. Es scheint, als flöhen alle, die ihn betreten, in alle Richtungen.

«Mocmoc» kontra Nebel-Mythos

Von einer markanten Neuüberbauung, die am Ort des geschichtsträchtigen Hotels Bodan aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsteht, verspricht sich die Gemeinde mehr Qualität für den Bahnhofplatz. Aber eigentlich gehört der grösste Spaltpilz weg, das «Mocmoc». Das dadaistische Fischwesen, 2003 vom Künstlerlabel Com Com aus St. Gallen erfunden – ein Seeungeheuer mit der Aura einer Quietschente – hat die Stadt Romanshorn gespalten. Viele können dem Spass-Kunstwerk bis heute nichts Gutes abgewinnen. Dass die Führungen zu Kunst im öffentlichen Raum bei der Pokémon-Plastik am Bahnhof statt am Museum im Alten Zollhaus beginnen, hat etwas Masochistisches. «Mocmoc» gehört vergessen, ignoriert! Denn wer sich über die Kunstaktion echauffiert, vergisst leicht die echten Qualitäten von See- und Hafenareal. Und ertrinkt im Nebel-Mythos, obwohl der hier weit weniger anzutreffen ist als kolportiert wird.

Mit dem Bau des Hafens 1842 und des Bahnhofs in den 1850er-Jahren wurde der Grundstein gelegt für die Hafenstadt Romanshorn. Der Handelsort verdankte seine wirtschaftliche Bedeutung seiner Stellung als Verkehrsknotenpunkt, dem Handel mit Korn und Wein im grossen Stil und dem Eidgenössischen Zollamt, das 1848 an die Landesgrenze verlegt wurde.

Zwischen Traum und Verlust

Die Romanshorner träumten vom Duft der weiten Welt – ihnen mag zu Kopfe gestiegen sein, dass sie wegen des grössten Getreidemarkts der Schweiz mehrere Jahre keine Steuern zahlten. Heute zeugen leerstehende und bereits umgenutzte Gebäude vom ehemaligen Glanz am Bahnhof und Hafen.

«Gemeinwesen verhalten sich wie Menschen, die mit einem schweren Verlust fertig werden müssen», hat die ehemalige Thurgauer Denkmalpflegerin Beatrice Sendner einmal gesagt. «Man kann den Schmerz überspielen oder die Emotionen entladen sich in Aggression und Zerstörungswut. Ausser dem Alten Zollhaus, dem Bahnhofgebäude und dem Lagerhaus (heute Kornhaus) war am Hafen schon jedes Gebäude Ziel von Abbruchvorschlägen; der Güterschuppen hat den Brandanschlag 2000 nicht überlebt.

Gegen Verkrustetes antreten

Auch die Romanshornerin Nina Stieger rät, die Vergangenheit nicht zu vergessen, um sich der Zukunft zuwenden zu können. Direkt dem Stadtpräsidenten unterstellt schärft sie seit Antritt ihrer Stelle als Stadtentwicklerin im Jahr 2013 den Blick der Stadtbevölkerung für das Bestehende und das Neue. Unermüdlich tritt sie gegen Vorurteile und rückwärts gerichtete Sichtweisen an, um die Hafenstadt aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken und den Staub der Vergangenheit wegzublasen.

Im Bereich des Hafenbeckens erkennt Stieger noch immer den Dreh- und Angelpunkt der Stadt Romanshorn. Geprägt von einer «urbanen Hangkulisse», die man pflegen und weiterentwickeln müsse. Diese Kulisse wird gebildet durch die Form des Fährhafens, die stattlichen Bauten entlang des Schlossbergs und unterhalb der Allee- und der Neuhofstrasse.

Und wo liegt das Zentrum, der Stadtplatz? Viele Plätze sind vergessen. Andere zerstört. Etwa jener bei der «Franzosenschanze» beim Hotel Inseli, gebaut um 1799. Andere, wie der vor der 779 erstmals erwähnten Alten Kirche werden als Ort zum Feiern genutzt. Vergessen ist die ehemalige Schiffsanlegestelle beim «Römerhorn», eine Erinnerung an goldene Zeiten, als Gäste in zwölf Gasthäusern und Hotels am Hafen übernachteten. Der Pestalozziplatz im Eigenheimquartier, einem Gartenstadtquartier, wie es sie auch in Winterthur, Aarau oder England gibt, ist trivialisiert worden. Ähnlich geht es dem Platz zwischen Rebsamen- und Oberschulhaus, wo sich während der Weltkriege die Soldaten versammelten.

Die Stadt hat nun die Absicht, die Stadtmitte in Form eines Stadtplatzes zwischen Allee- und Bahnhofstrasse zu realisieren. Zudem soll die Bodensee-Radroute vom Hafenpark her über eine Passerelle in die Alleestrasse und über diesen Stadtplatz Richtung Seebad geführt werden, um mehr Kunden in den Stadtkern zu bringen. Ein erster Schritt zum Sichtbarmachen dieser Mitte liesse sich mit relativ bescheidenen Mitteln erreichen: Die Stadt besitzt mehrere Liegenschaften an diesem Kreuzungspunkt von sieben Strassen und Gassen.

Ein Platz, der nicht funktioniert: Blick auf den Romanshorner Bahnhofplatz mit dem 160 Jahre alten Bahnhofgebäude, die Gleisanlagen und das Hafenbecken. (Bilder: Benjamin Manser und Michel Canonica)

Ein Platz, der nicht funktioniert: Blick auf den Romanshorner Bahnhofplatz mit dem 160 Jahre alten Bahnhofgebäude, die Gleisanlagen und das Hafenbecken. (Bilder: Benjamin Manser und Michel Canonica)