«Eine Spur Wehmut ist im Spiel»

Die Pädagogische Hochschule Thurgau werde helfen, den Lehrermangel an der Oberstufe zu beheben, sagt Rektor Ernst Preisig. Er tritt nach neun Jahren in den Ruhestand. Der Lehrer der Zukunft werde wohl wieder ein Allrounder sein.

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«Die Pädagogische Hochschule trägt zur Thurgauer Identität bei»: Rektor Ernst Preisig. (Archivbild: Donato Caspari)

«Die Pädagogische Hochschule trägt zur Thurgauer Identität bei»: Rektor Ernst Preisig. (Archivbild: Donato Caspari)

Sie haben die Pädagogische Hochschule mit aufgebaut. Da muss der Abschied schwerfallen.

Ernst Preisig: Von der Sache her ist es der richtige Zeitpunkt, um mein Amt in neue Hände zu übergeben. Die PH hat eine wichtige Phase der Entwicklung hinter sich und ist stark gewachsen. Die neue Rektorin kann die Schule mit neuem Effort konsolidieren und überprüfen, ob Abläufe vereinfacht werden könnten. Aber eine Spur Wehmut ist schon im Spiel.

Die Entwicklung der Hochschule trägt Ihre Handschrift. Worauf sind Sie besonders stolz?

Preisig: Lehrerinnen und Lehrer, Schulrat und Schulleitung konnten die PH Thurgau so entwickeln, dass sie am Standort in Kreuzlingen, dass aber auch die enge Zusammenarbeit mit der Universität Konstanz verankert ist. Das ist nicht selbstverständlich, zu Beginn stand man der neuen Lehrerbildung auch skeptisch gegenüber. Offen ist, was in zehn Jahren sein wird. Es gab immer wieder kritische Fragen, ob 14 Pädagogische Hochschulen in der Schweiz nicht zu viele sind.

Sie haben die kritischen Stimmen erwähnt. Was gelang nicht in diesen neun Jahren?

Preisig: Ein Ziel konnten wir nicht erreichen. Ich wuchs im Thurgau auf, mich prägte der verstorbene FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann, der eine enge Zusammenarbeit in der Regio Bodensee forderte. Ich kam mit dieser Vision zurück in den Thurgau und wollte eine Lehrerbildung für alle drei Bodenseeanrainer verwirklichen. Dieses Regio-Lehrerdiplom kam leider nicht zustande, weil die Anerkennungsrichtlinien national geregelt sind.

Brauchte es diesen Bildungsraum Bodensee – nicht nur für die Lehrerbildung, sondern für alle Studienrichtungen?

Preisig: Ich glaube, dass das Gebiet für einen gemeinsamen Bildungsraum zu gross ist. Aber wir haben die Chance, einen grossen und starken Hochschulstandort Bodensee West mit der PH, der Universität und der Fachhochschule Konstanz zu schaffen, der für Schweizer und deutsche Studierende durchlässig ist.

Das heisst aber, dass sich der Kanton Thurgau noch stärker an der Uni Konstanz engagieren müsste.

Preisig: Diese Frage müssen Politiker beantworten. Was unter den aktuellen Umständen möglich ist, machen wir. Die PH arbeitet bereits eng mit der Universität Konstanz zusammen. Eine Ausbaumöglichkeit sehe ich: Die Universität und die PH könnten die zurzeit getrennten Gymnasiallehrerausbildungen sowie die Bildungsforschung enger zusammenführen, um so Synergien zu nutzen.

Sie blicken über die Grenze. Aber könnte in Zukunft nicht wieder die Frage auftauchen, ob der Thurgau eine eigene Lehrerbildung braucht?

Preisig: Man darf diese Frage stellen. Aber in den letzten neun Jahren hat sich gezeigt, dass der Thurgau von der eigenen Lehrerbildung profitieren und seinen Lehrernachwuchs auf der ganzen Linie sicherstellen konnte. Die PH trägt zur Thurgauer Identität bei. Selbst wenn es Zusammenschlüsse geben sollte, wird Kreuzlingen als Standort erhalten bleiben.

Aber wird die PH wirklich primär für die Aus- und Weiterbildung der Thurgauer Lehrpersonen genutzt? Es hat immer mehr Auswärtige.

Preisig: Alle Studien zeigen, dass die räumliche Nähe eine grosse Rolle spielt, wenn sich ein Student für eine PH oder eine Universität entscheidet. Mein Ziel war es, Thurgauerinnen und Thurgauer an die PH zu holen, das ist gelungen. Klar haben wir Studierende zum Beispiel aus St. Gallen und aus Schaffhausen. Ihr Anteil liegt aber lediglich bei 15 Prozent, das ist vertretbar. Zusätzlich studieren an der PH circa 20 Prozent Frauen und Männer aus der deutschen Nachbarschaft. Die PH Thurgau strahlt in die Grenzregionen aus.

Allerdings platzen die zwei Neubauten der PH Thurgau bereits wieder aus allen Nähten. Muss die PH nochmals bauen?

Preisig: Die PH war für 400 Studierende konzipiert. Jetzt sind wir bei 630, die wir dank der Zusammenarbeit mit Kantonsschule und Pädagogischer Mittelschule auf dem Campus unterbringen und unterrichten können. Das genügt für eine Übergangszeit. In rund fünf Jahren wird die PH aber nicht um eine räumliche Erweiterung herumkommen.

Wird die PH mit den neuen Studiengängen dem Lehrermangel wirkungsvoll begegnen können?

Preisig: Bei den Kindergärtnerinnen gab es nie einen Mangel, und auch bei den Primarlehrerinnen und -lehrern halten sich Nachfrage und Angebot in etwa die Waage. Das Problem akzentuiert sich auf der Sekundarstufe. Der Kanton war ursprünglich aus Kostengründen nicht der Meinung, dass die PHTG selbst Sekundarlehrpersonen ausbildet. Nach einer langjährigen Mangelsituation entschloss er sich, der PHTG diesen Auftrag in Zusammenarbeit mit der Universität Konstanz zu geben. Ich gehe davon aus, dass der neue Studiengang Sek. I dazu beiträgt, dass der Thurgau auf dieser Stufe schon bald genügend Lehrpersonen hat.

Die Schulgemeinden verlangen aber auch, dass die Primarlehrer wieder mehr Allrounder sind.

Preisig: Ich muss zugeben, dass unser Modell mit Studierenden, die nicht alle Fächer belegen müssen, bei kleineren Schulgemeinden nie auf volle Akzeptanz gestossen ist. Meine Nachfolgerin wird sich überlegen müssen, ob angehende Lehrpersonen wieder breiter ausgebildet werden sollen. Schweizweit läuft der Trend bereits in Richtung von Generalisten. Die PH kann es sich nicht leisten, dass Schulgemeinden Lehrer aus anderen Kantonen vorziehen.

Wird es im Thurgau auch mehr Quereinsteiger geben?

Preisig: Die PH würde mit einer solchen Ausbildung für ältere Quereinsteiger bereits den sechsten Studiengang schaffen. Ich schliesse das nicht aus, falls sich der Lehrermangel verschärfen sollte. Aber Kanton und PH versuchen jetzt zuerst, ehemalige Lehrerinnen und Lehrer zurück in den Beruf zu holen. Im Februar startet die erste grosse Kampagne.

Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin?

Preisig: Ich wünsche ihr, dass die PH trotz des neuen Hochschulgesetzes des Bundes ihre Eigenständigkeit bewahren und ihren Auftrag erfüllen kann: in enger Absprache mit Kanton und Schulgemeinden Lehrerinnen und Lehrer aus- und weiterzubilden.

Interview: Marc Haltiner