Eine Sechs für den Sommer

Turmspatz

Drucken
Teilen

In der ersten Juliwoche gibt es viel zu sehen bei den Diessenhofer Schulhäusern. Die Lehrerinnen und Lehrer räumen ihre Zimmer auf, doch statt etwas wegzuschmeissen, schieben sie die lieb gewordenen Erinnerungen wieder in die Schränke zurück. «Aufbewahren ist doch von gestern. Heute sind alle Daten elektronisch gespeichert», stellt mein Cousin, der Steckborner Turmspatz, fest, als wir auf einem Fenstersims der Schule Rast machen.

«Alte Sachen erinnern an Geschichten», gebe ich zurück. «Wozu sammeln? Wenn ein Pädagoge in den Ruhestand tritt, füllt man jeweils eine Mulde. Brauchbar ist kaum noch etwas. Bereits die Schüler schmeissen alle Arbeiten weg. Heute bewahrt man nur noch die Zeugnisse auf.» Wir flattern ein Fenster weiter. Im Zimmer sitzen eine Lehrerin und ein Lehrer beim Kaffee. Auf dem Tisch fertig geschriebene Zeugnisse. «Was machen wir jetzt?», fragt er, «wen könnten wir noch bewerten?» «Den Sommer.» «Heiss.» Sie lacht.

«Ich meine den abtretenden Stadtpräsidenten, nicht die Jahreszeit. Rechnen?» «Eine Sechs», sagt er, «die Steuern sinken und die Stadtkasse ist voll.» «Geometrie?» «Vier bis Fünf.» «Warum so wenig?», will sie wissen. «Weil er keinen einzigen Kreisel gebaut hat.» Sie legt den Stift aufs Blatt. «Ökologie?» «Vier.» «Aber Diessenhofen ist doch Energiestadt.» «Das ganze Sparen bei den Strassenlampen bringt wenig, wenn gleichzeitig mit dem Rechenzentrum ein grosser Stromfresser angesiedelt wird.» «Dafür gibt’s in Sprache mündlich eine Fünf bis Sechs», sagt sie, «ein brillanter Redner, wenn auch manchmal etwas langatmig.» «Was ist mit Sprache schriftlich?», fragt er. «Diese Note lassen wir offen, bis der erste Sommer-Roman erscheint.»