Eine Schildbürgerstreichung

Zum vereitelten Planungskredit für eine Begegnungszone in der Freie Strasse von Frauenfeld.

Stefan Hilzinger
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Stefan Hilzinger, Redaktion Thurgauer Zeitung, Frauenfeld

Stefan Hilzinger, Redaktion Thurgauer Zeitung, Frauenfeld

Wer in den vergangenen zwei Jahren mit nur halbwegs offenen Augen und halbwegs wachem Geist in der Altstadt unterwegs war, der muss es bemerkt haben: Die Altstadt lebt! Sie lebt, auch wenn da und dort Läden verschwinden und wieder neue dazukommen. Das Engagement des Stadtrats und der Interessengemeinschaft Frauenfelder Innenstadt (IG Fit) fängt an, langsam Früchte zu tragen. Es zeigen sich zwar erst die Knospen, doch es gedeiht Neues, das ist offensichtlich, und das verdient langfristige Unterstützung.

Freundliche Strassencafés laden ein, zu verweilen. Wer in der Altstadt unterwegs ist, kann fast sicher sein, jemanden Bekannten zu treffen. Kultur- und Marktveranstaltungen verleihen der Innenstadt ein Gesicht und locken viel Volk an, wie jetzt an diesem Wochenende der Weihnachtsmarkt. Die Begegnungszone mag zwar nicht das Ei des Kolumbus sein – das es ohnehin nicht gibt – und sie hat gewiss auch ihre Mängel und Schwachstellen, doch sie zeigt Wirkung.

Und ausgerechnet jetzt wirft eine Mehrheit des Frauenfelder Stadtparlaments dem Projekt Begegnungszone einen Knüppel zwischen die Beine. Sie hat zwei Planungskredite für die künftige Ausgestaltung der Freie Strasse in der Summe von 160000 Franken aus den Investitionen für nächstes Jahr gestrichen. Beantragt hat diese Streichung eine knappe Mehrheit der vorberatenden Geschäftsprüfungskommission. Da staunt nicht nur die unterliegende Gemeinderats-Linke ungläubig, sondern es wundern sich auch die Gewerbetreibenden der Innenstadt sehr.

Die haben das Unheil wohl kommen sehen. Ausgerechnet am Tag der Ratsdebatte erscheint im hiesigen Wochenblatt eine Stellungnahme der IG Fit, worin sie die Ausweitung der Begegnungszone auf die Freie Strasse ausdrücklich begrüsst. «Die IG FIT ist überzeugt, dass das Projekt gute Voraussetzungen schafft, damit die Altstadt attraktiver werden und mehr Menschen anziehen kann. Denn leere Flächen schaffen Platz für neue Ideen und Nutzungen.» Wenn das keine klare Botschaft ist an die Politik, was dann? Eine Botschaft notabene, die nicht von Linken und Netten kommt, sondern vom Vorstand der IG Fit, der gestandene Gewerbetreibende und Geschäftsinhaber in der Innenstadt vertritt. Da darf schon gefragt werden, warum jemand in der Ratsdebatte schlicht die Legitimität der Verfasser der Stellungnahme in Frage stellen musste.

«Wie hast Du’s mit den Parkplätzen», ist die Gretchen- und Glaubensfrage der Begegnungszonen-Skeptiker. Ja, es werden einige Parkplätze in der Freie Strasse verschwinden, sollte der Abschnitt umgestaltet werden. Es wird dann wohl nicht mehr möglich sein, mit einem Traktor oder einem Pick-up-Truck direkt vor dem Bankomaten der CS zu parkieren. Abgesehen davon, dass es in relativer Nähe zur Altstadt weiterhin viele Parkplätze gibt (Altstadt-Parkhaus, Promenade, Markplatz, Passage, Schlossberg), überwiegen längerfristig einfach die Vorteile einer Entschleunigung im Zentrum. Das hat ein Teil des Gemeinderats schon erkannt, vor allem aber haben es die Betroffenen selbst erfahren und wünschen sich die Begegnungszone nun auch in der Freie Strasse. Mittlerweile sieht sogar die IG Fit die Reduktion der Parkplätze als Chance: «Natürlich ist die Erreichbarkeit unserer Geschäfte für uns ein wichtiger Erfolgsfaktor. Die Stadt aber geht bei der Reduktion massvoll vor. Die Reduktion der Parkplätze ermöglicht zudem, Auslagen vor den Geschäften zu platzieren und damit das Einkaufserlebnis in der Altstadt zu fördern.» Was braucht es denn noch an Argumenten für eine Begegnungszone in der historischen Altstadt?

Wer flaniert nicht selbst auch gerne etwa in den Ferien im Ausland durch verkehrsfreie historische Innenstädte? Wer geniesst nicht gerne ein kühles Bier in einer Strassenbeiz, ohne ständig aufpassen zu müssen, ob einem nicht gerade ein Automobilist über die Füsse fährt, der mal dringend in der Apotheke ein Päckchen Aspirin kaufen muss? Frauenfeld kann zwar nicht mit Schaffhausen oder Winterthur mithalten, was die verkehrsfreie Altstadt angeht. Doch verdient hat die Thurgauer Hauptstadt diese neue Visitenkarte allemal.