Eine Mühle für die Ewigkeit

Die Mühle Entenschiess in Oberneunforn ist eine der letzten kleinen Mühlen im Thurgau – und noch immer in Betrieb. Die Grunders kämpfen gegen das Mühlensterben. Eine Reportage von Selina Giger (Text) und Reto Martin (Bilder).

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Das Getreide in der Hand des Müllers. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Das Getreide in der Hand des Müllers. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Zwei Esel schauen neugierig herüber. Ein Hahn kräht und der Kater huscht vorbei. Das Tierreich scheint sich nicht zu stören an den mechanischen Geräuschen, die aus der Schiebetür des Bauernhauses dringen. Tritt man ein, wird der Lärm noch lauter.

Maja Grunder steht vor einer Waage und füllt Säcke mit Mehl, während ihr Ehemann diese mit Schnur zubindet. Die Wand ist voll gestellt mit Säcken in allen Grössen. Vor der Türe liegt ein brauner Kater, der sich friedlich zusammengerollt hat. «Das ist unser kleiner Mühlentiger», sagt Maja Grunder und lacht. «Der bewacht uns.»

Der 40jährige Bruno Grunder und seine gleichaltrige Frau führen gern durch ihren Betrieb. Sprechen und Verstehen sind während des Mahlvorgangs aber kaum möglich. Bruno Grunder zeigt mit den Händen und schreit mit seiner kräftigen Stimme gegen die Motoren an. Er erklärt den Mahlvorgang. Das ist aber alles komplizierter, als es sich manche vorstellen.

Einer der letzten Natursteine

Will jemand Mehl aus seinem eigenen Getreide gewinnen, bringt er sein Korn zu den Grunders. Da wird das Getreide zuerst gesäubert und dann gemahlen – insgesamt bis zu zehnmal. Zwischen den einzelnen Mahlvorgängen wird das Getreide mit Luft durch Rohre zum «Sichter» gesogen. Dort wird das Korn gesiebt; so trennt sich das feine Mehl vom noch harten Getreide. Das noch grobe Korn wird dann durch Rohre wieder zurück zu den Walzenstühlen gebracht und weiter zerkleinert. Beim letzten Mahlgang wird das Getreide beim sogenannten Soder noch mit einem Naturstein ausgemahlen, bis es ganz fein ist.

Derartige Steine gebe es nur noch selten, klärt Grunder auf. «Der Vorteil des Natursteins ist, dass er sich immer mit der Aussentemperatur angleicht und nicht heiss wird wie die Metallwalzen.» Der Stein gelte als besonders schonend und quäle das Mehl durch Hitze nicht. Das zermahlene Getreide kommt in dieser Mühle zu hundert Prozent aus der Schweiz. Der grösste Teil aus den Kantonen Thurgau und Zürich. Die Kunden sind häufig Bauersfrauen oder Kunden aus der Region, die Freude am Backen mit eigenem Mehl haben. Die Grunders liefern ihr Mehl aber auch an Geschäfte wie Pizzerias.

Die Mühle produziert «aus der Region für die Region». Ausnahmen bestätigen die Regel: Eben kommt eine Frau vorbei, die auf dem Heimweg nach Dänemark ist. Sie kauft bei Grunders noch zwanzig Kilogramm Mehl und packt die Säcke in den Kofferraum.

In der Mühle Entenschiess mahlen die Steine nun schon seit gut 600 Jahren Getreide zu Mehl. Erstmals erwähnt wurde die Mühle in Unterlagen des Gerichts Oberneunforn im Jahre 1379. «Derartig langlebige Mühlen wie die Entenschiess sind aber leider zu einer Rarität geworden», sagt Bruno Grunder.

Das Mühlensterben

Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs habe der Thurgau noch ungefähr 200 Mühlen gezählt, heute seien es noch fünf. Nur drei von den fünf seien kleine Mühlen. «Es gibt noch den Bachmann in Diessenhofen, den Wahrenberger in Lamperswil und unsere Entenschiess.»

Das Mühlensterben erklärt sich Grunder mit dem Generationenproblem. «Die Jungen wollen die Mühlen nicht übernehmen. So sind diese schnell dem Untergang geweiht.» Auch in die Müllerlehre gingen nur wenige. Der Beruf des Müllers habe einen schlechten Ruf und sei belastet mit Vorurteilen. «Jeder stellt sich unter einem Müller einen Mann in weisser Schürze vor, der mit Mehl bestäubt ist und den ganzen Tag Säcke schleppt.» Müller sei aber ein interessanter und anspruchsvoller Beruf. Schliesslich müsse man die Mühle in Schuss halten und die Maschinen reparieren. Nach der Lehre habe man auch gute Chancen, eine Arbeitsstelle zu finden – meist stünde einem die ganze Lebensmittelbranche offen.

Moderne Müller stehen heutzutage jedoch in den Industrie-Mühlen häufig vor dem Computer und überwachen aus der Ferne den Mahlvorgang. Nicht so die Grunders. Sie kontrollieren die Mühle mit dem Gehör und nicht mit dem Laptop. Vom Maschinenraum in der Mühle gibt es einen direkten Durchgang zum Eingangsbereich des Wohnhauses. Das Gebrummel der Mühle hören sie deshalb immer – überall im Haus. Maja Grunder sagt: «Ich nehme das Geräusch gar nicht mehr wahr, erst wenn es nicht mehr oder anders tönt, fällt es mir auf.» Dann herrsche Alarm, weil irgendetwas mit der Mühle nicht stimme.

Seit vier Generationen

Die Mühle Entenschiess hatte Glück. Bei ihr gab es nie ein Generationenproblem, denn bereits seit vier Generationen geben die Grunders die Mühle an ihre Kinder weiter. Vor 56 Jahren baute der damalige Grunder – Brunos Grossvater – die Mühle um. Von Wasserkraft wechselte er auf Elektrizität. Dies sei damals sehr fortschrittlich gewesen, sagt Maja Grunder. «Es war eine gute Entscheidung, sonst wäre die Mühle eingegangen.»

Denn es gab Probleme mit dem Kanal, der damals dort floss, wo nun der Stubentiger schläft. Das Wasser war häufig dreckig und stank. Es lockte viele Ratten an. Das grösste Problem aber war, dass in den trockenen Monaten zu wenig Wasser für den Antrieb vorhanden war. «Klar wäre ein Wasserrad optisch wunderbar. Auch als Werbung. Aber für die damalige Zeit war es richtig, auf elektrische Energie umzusteigen», sagt Bruno Grunder. Mit der Druckluft sei das Mahlen nun verlässlich und zudem sauberer. Die Mühle sei zwar alt, aber stabil. «Solche Mühlen wurden für die Ewigkeit gebaut», sagt Grunder.

Zurück zur Natur

In der Gesellschaft gebe es seit ungefähr fünf Jahren ein Umdenken, da sind sich die Grunders einig. «Die Leute wollen Brot ohne Zusatzstoffe und beginnen wieder selbst zu backen.» Immer mehr Leute wollen wissen, woher die Esswaren kommen – auch das Mehl. Spätestens wenn es genmanipuliertes Getreide in den Supermärkten zu kaufen geben wird, würden noch mehr Kunden lieber auf das Natürliche aus der Region setzen.

Die Grunders spüren diesen Wandel jetzt schon. Wöchentlich begrüssen sie neue Kunden. Die Mühle lebe durch die Mundpropaganda der Zufriedenen. Maja Grunder sagt: «Kommen die Kunden ein erstes Mal, freue ich mich, kommen sie ein zweites Mal, ist es noch besser, weil sie dann häufig wiederkehren.»

Es gebe auch Biobauern, die wollen von ihrem eigenen Getreide Mehl. «Die wollen auf dem Markt sagen: Das ist Brot aus meinem Korn.» Bei den Grunders ist das noch möglich. Da sie eine kleine Mühle besitzen, können sie diese zuerst leerlaufen lassen und dann nur das Getreide des Bauern mahlen lassen.

Bald 100 Jahre Grunders

Was uns aber schon die ganze Zeit interessiert: «Woher kommt überhaupt der Name Entenschiess?» Weil man einst bei der Mühle viele Enten habe schiessen können.

Mit ihrem Namen wird die Mühle voraussichtlich auch noch eine fünfte Generation überleben. Denn eine der zwei Töchter kann sich gut vorstellen, später die Mühle zu übernehmen. Zuerst macht die 16jährige Sabrina Grunder aber eine Lehre als Kauffrau. So liegt die Zukunft der Entenschiess wohl noch auf Jahre hinaus in den aufmerksamen Händen der Grunders.

Durch die Schiebetür geht es ins Mühlilädeli. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Durch die Schiebetür geht es ins Mühlilädeli. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

In den sogenannten Walzenstühlen wird das Getreide gemahlen. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

In den sogenannten Walzenstühlen wird das Getreide gemahlen. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Maja und Bruno Grunder wägen und packen eigenes Mehl im Mühlilädeli ab. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Maja und Bruno Grunder wägen und packen eigenes Mehl im Mühlilädeli ab. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Durch diese Rohre kommt das Getreide in die Mühle. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Durch diese Rohre kommt das Getreide in die Mühle. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

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