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Eine Geschichte voller Wunder

Vor 50 Jahren legte Paul Kuhn die Grundlage für die St. Michaelsvereinigung in Dozwil. Der 2002 verstorbene Gemüsegärtner hat die Gemeinde zu einem Gnadenort gemacht, der vor 25 Jahren nach Krawallen traurige Berühmtheit erlangte. Heute ist das Dorf in gewisser Hinsicht ein Paradies.
Markus Schoch
Reich geschmückt: Die beiden Priester Willy Bolliger und Thomas Graber leiten einen Gottesdienst in der Kirche der St. Michaelsvereinigung. (Bild: Helio Hickl)

Reich geschmückt: Die beiden Priester Willy Bolliger und Thomas Graber leiten einen Gottesdienst in der Kirche der St. Michaelsvereinigung. (Bild: Helio Hickl)

DOZWIL. Die jüngste Geschichte von Dozwil ist eine Geschichte von Wundern. Das vielleicht grösste Wunder von allen: Es ist Ruhe in der flächenmässig zweitkleinsten Gemeinde im Thurgau eingekehrt. «Wir haben jetzt eine absolut gute Zeit», sagt Primarschulpräsidentin Edith Tanner. Der gleichen Meinung ist Gemeindeammann Bruno Germann: «Ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben.»

Trotzdem trägt Dozwil weiter schwer an seiner Vergangenheit. Die Geschichte der letzten 50 Jahre von Dozwil ist auch die Geschichte der St. Michaelsvereinigung und deren Gründer Paul Kuhn, der sich als Werkzeug Gottes verstand. Die Beziehung war lange Zeit äusserst schwierig und prägt den Ort bis heute. «Schon zu Beginn meines Wirkens spürte ich die Rache der Menschen. Sie taten sich zusammen und berieten, was sie gegen mich tun könnten», schreibt der 2002 verstorbene Kuhn in seiner Paulus-Lehre «Stufen zum Licht».

Kuhn machte Dozwil zum Gnadenort. Jedes Wochenende besuchen gegen 2000 Menschen aus der ganzen Deutschschweiz und dem benachbarten Ausland die Gottesdienste der St. Michaelsvereinigung in der Kirche, die 1000 Personen Platz bietet. Die damit verbundenen Verkehrsprobleme sorgten lange für böses Blut im Dorf. Heute sind sie dank eines grossen Parkplatzes gelöst.

Engel warnt Kuhn

Der evangelisch erzogene Kuhn fühlt sich von Gott berufen, die Menschen am Ende des Christus-Zeitalters aus dem Tal der Finsternis über die Jakobsleiter ins Licht zu führen. Er nimmt die Aufgabe an, obwohl ihn nach eigenen Worten ein Engel warnt: «Die Menschen werden dich verleumden und die schlimmsten Lügen über dich sprechen. Dein Weg wird ein dorniger Weg, ein Kreuzweg für Jesus Christus. Die Kirche wird über dich herfallen.» Und so kommt es.

Dozwil liegt wirtschaftlich am Boden, als der arme Gemüsegärtner Kuhn Anfang der 1960er-Jahre mit Vorträgen den Grundstein für die St. Michaelsvereinigung legt. Die Blütezeit hat Dozwil längst hinter sich. An den Wohlstand der einstigen Textilbarone Ende des 19. Jahrhunderts erinnern nur noch herrschaftliche Häuser wie die einstige Villa Schoop. Der Aufschwung nach dem 2. Weltkrieg geht an Dozwil weitgehend vorbei. Die Bauernbetriebe sind klein, in den Ställen stehen höchstens zwei oder drei Kühe.

Schlecht steht es in der beginnenden Hochkonjunktur auch um den einstigen Stolz der Dozwiler: die 1843 gegründete Sekundarschule, die von den umliegenden Gemeinden mitgetragen wird. 1962 schliessen sich Sommeri und Hefenhofen Amriswil an. Die Schülerbestände sacken zusammen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis das Schulhaus geschlossen werden muss.

Kraft der positiven Gedanken

In diesen schwierigen Zeiten steht der einstmals scheue und wortkarge Paul Kuhn im Alter von 42 Jahren vor die Menschen und predigt ihnen die Macht der positiven Gedanken, die er selber in der Coué-Lehre erfahren hat. Seine Botschaft: «Es geht mir mit jedem Tag immer besser und besser, weil die göttliche Kraft in mir wirkt.» Für viele Dozwiler ist das aber bloss Hokuspokus. Und ihr Misstrauen gegenüber dem Aussenseiter wird nicht kleiner, als Kuhn davon spricht, dass sein Geist während einer Entspannungsübung durch einen hellen Lichtkanal aus dem Kosmos in himmlische Sphären entrückt sei.

Die Skepsis schlägt 1964 in offene Ablehnung um wegen eines Ereignisses, das die St. Michaelsvereinigung als «Pfingstwunder» bezeichnet: Während eines Besuchs gerät Maria Gallati in Verzückung und spricht mit fremder Zunge. Es ist gemäss St. Michaelsvereinigung der Erzengel Michael, der in sie gefahren ist – der Anfang einer himmlischen Schulung von Kuhn. Gallati übermittelt fortan 24 Jahre als Medium Botschaften des Teufelbezwingers und Engelsfürsten, der sich in Zeiten grösster Bedrängnis erheben wird, um die Kinder des auserwählten Volks zu beschützen, wie es in der Bibel heisst.

Kuhn erhält Redeverbot

Kuhn gerät in der Folge massiv unter Druck. Er erhält kaum mehr Auftrittsmöglichkeiten. Das St. Galler Sanitätsdepartement erteilt ihm in den 60er-Jahren sogar Redeverbot, als bekannt wird, dass er in Rorschach einer Frau die Hand auf die Stirne legt und ihr damit die Schmerzen nimmt. Dazu bekommt er eine Busse von 1500 Franken. Kuhn sagt dazu: «Was weiter geschah, möchte ich lieber verschweigen.»

Aber er bleibt seinem Versprechen an Gott treu und befolgt, was ihm Gallati vom Erzengel aufträgt. So baut er erst eine Mariengrotte in seinem Garten und später eine Kirche, die 1970 eingeweiht wird. Das meiste wird in Fronarbeit gemacht. Denn Kuhn ist immer noch ein armer Gärtner. Dozwil geht es derweil wie ihm: Die Finanzen sind knapp. Die Gemeinde ist «eine Steuerhölle und Niemandsland», erinnert sich Lokalhistoriker Bruno Oetterli, der 1971 aus dem Kanton Schaffhausen zuzieht. Nur gerade 400 Personen leben im Dorf, 100 mehr als zur Jahrhundertwende.

Doch es gibt Grund zur Hoffnung. 1960 gelingt es der Gemeinde, die Firma KAG Kunststoffpresswerk nach Dozwil zu holen, aus der die heutige Ejot mit rund 70 Mitarbeitern hervorgeht. Der Betrieb floriert und wird erweitert. Davon profitiert auch die Gemeinde, allerdings erst nach einer Durststrecke. Anfänglich pendeln die meisten Angestellten von ihrem Wohnort in der Region zur Arbeit nach Dozwil. «Es gibt zu jener Zeit kaum Mietwohnungen bei uns», sagt Oetterli.

Ab 1975 steigen die Schülerzahlen, innert vier Jahren von 36 auf 63. Trotzdem will der Kanton die Sek in Dozwil schliessen und die Kinder nach Romanshorn schicken. Die angeschlossenen Gemeinden wehren sich und können das Ende abwenden. Zugute kommt ihnen, dass sie erschlossenes Bauland anbieten können. Dies eröffnet Dozwil, Kesswil und Uttwil sowie der Sek gute Perspektiven. Die Rechnung geht auf. Es kommen Zuzüger, auch nach Dozwil.

Boomjahre bringen Wachstum

Nach kontroversen Diskussionen beschliessen die Stimmbürger der Region 1990 den Bau einer neuen Schulanlage in Dozwil, die zwölf Millionen Franken kostet. Der damalige Gemeindeammann Alfred Baumann nennt den Entscheid einen Glücksfall für Dozwil. In den letzten 20 Jahren erlebt die Gemeinde einen Boom. Die Zahl der Einwohner steigt von 440 auf heute 660 – also um 50 Prozent. Es wird finanziell attraktiv, in die Landgemeinde auf dem Seerücken zu ziehen.

Der Steuerfuss beträgt 2003 90 Prozent und sinkt dann schrittweise auf 47 Prozent aktuell. «Wir gehören damit zu den Gemeinden mit dem niedrigsten Steuerfuss im Thurgau», sagt Gemeindeammann Bruno Germann, der seit über 30 Jahren dem Gemeinderat angehört und bei der St. Michaelsvereinigung in die Kirche geht. Dozwil stehe heute finanziell ausgezeichnet da und sei eine wirtschaftlich aufstrebende Gemeinde mit aktuell rund 170 Arbeitsplätzen. «Es ist ein Wunder», sagt Lokalhistoriker Oetterli.

Nach Dozwil kommen auch Anhänger der St. Michaelsvereinigung. Zu viele, findet ein Teil der Bevölkerung. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Gläubigen leben aber sehr zurückgezogen, sagt Oetterli. Weil auch die Alteingesessenen gerne für sich sind, ergeben sich nicht viele Kontakte. «Man lebt auf Distanz zueinander.»

Krawalle nach Flugblättern

Das ändert sich schlagartig, als die St. Michaelsvereinigung im April 1988 in Flugblättern in apokalyptischer Sprache die Zeit ankündigt, wo die Kinder geholt werden. Es kommt aber nicht das vom «Blick» angekündigte Raumschiff, dafür gibt es Krawalle. Hunderte Chaoten versammeln sich vor der Kirche und wollen sie stürmen. Anhänger der Vereinigung stellen sich ihnen entgegen. Es entsteht Sachschaden von 100 000 Franken. Die St. Michaelsvereinigung steht vor einem Trümmerhaufen. Das Vertrauen ist dahin. Die St. Michaelsvereinigung gerät immer mehr ins Abseits. 1989 stellen die Schweizer Bischöfe die Anhänger von Paul Kuhn vor die Entscheidung: Entweder ihr besucht die Gottesdienste in Dozwil oder die Messe in einer katholischen Kirche. Beides geht nicht.

Zum endgültigen Bruch kommt es 1991, als eine der St. Michaelsvereinigung nahestehende Kindergärtnerin in Uttwil entlassen wird und der Amriswiler Pfarrer Ernst Peterhans in einem Leserbrief Verständnis zeigt. Kuhn ruft seine Anhänger zum Austritt aus der katholischen Kirche auf, die ihn und seine Glaubensgemeinschaft bis heute nicht anerkennt.

Hunderte folgen der Aufforderung. Beide Seiten bleiben sich nichts schuldig. Was Kuhn mache, sei «Massensuggestion und religiös verbrämte Parapsychologie», sagt Peterhans damals.

Die Zeit heilt die Wunden

Die anhaltenden Auseinandersetzungen bleiben nicht ohne Folgen für Dozwil. Auch zehn Jahre nach den Krawallen ist die Stimmung schlecht, schreibt eine Journalistin. Viele hätten resigniert. Es wird jedoch immer ruhiger um die freie katholische Kirche, wie sich die St. Michaelsvereinigung heute nennt. «Irgendwann haben die Dozwiler und die St. Michaelsvereinigung begriffen, dass sie im gleichen Boot sitzen», sagt Lokalhistoriker Oetterli.

Das Gnadenwerk wendet sich vermehrt der tätigen Nächstenliebe und Wohltätigkeit zu. 1998 hilft Kuhn bei der Gründung der «Stiftung Sokrates für Gesundheit, Bildung und Erziehung», die heute in Güttingen eine christliche Klinik betreibt. Ein weiteres von der Vereinigung unterstütztes Projekt ist die auf christlicher Basis geführte Pestalozzi-Schule in Sulgen. Auch Eltern aus Dozwil schicken ihre Kinder dorthin. Es werden aber immer weniger. Im Moment sind es acht, nach den Sommerferien nur noch fünf.

«Wir sind froh, dass es nicht mehr sind,» sagt Primarschulpräsidentin Edith Tanner. Denn der Anteil von Privatschülern in Dozwil ist mit fast 22 Prozent so hoch wie nur in wenigen anderen Gemeinden im Thurgau. Mit dem Tod von Paul Kuhn vor elf Jahren entspannt sich die Situation weiter. «Es findet eine Öffnung statt», sagt Primarschulpräsidentin Edith Tanner.

Thomas Graber und Willy Bolliger, die das Gnadenwerk seit zehn Jahren als Priester führen, schlagen ganz neue Töne an. Die beiden Männer aus Rorschacherberg und Olten sind auf Ausgleich bedacht.

Versöhnliche Töne

Graber lernte Kuhn 1966 kennen, Bolliger schloss sich 1984 der St. Michaelsvereinigung an. Kein schlechtes Wort kommt ihnen über die Lippen. Stattdessen sagt der ehemalige Primarlehrer Graber Sätze, die vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar schienen. Beispielsweise: «Es ist unser erstes Bestreben, im Dorf und mit allen Menschen ein gutes Einvernehmen zu pflegen. Wir sind alle Kinder des einen Vaters.»

Die Landeskirchen sind kein Feindbild mehr, seit Graber und Bolliger in der St. Michaelsvereinigung das Sagen haben. «Wir müssen uns respektieren und achten», sagt der pensionierte Musikschulleiter Bolliger. Die Beziehung zur katholischen Kirche ist jedoch weiter angespannt. Jürg Pfiffner, Präsident der für Dozwil zuständigen Katholischen Kirchgemeinde Sommeri, will sich nicht zur St. Michaelsvereinigung äussern.

Und auch der katholische Pfarrer Joachim Schlich gibt sich kurz angebunden. Er könne nichts sagen. Die Evangelische Kirchgemeinde Kesswil-Dozwil hat keinen Kontakt zur St. Michaelsvereinigung, sagt Pfarrer Christian Herbst.

Es gibt keinen Röstigraben

Gut ist der Draht der St. Michaelsvereinigung zur Politik. Den Gemeinderat und die Schulbehörden haben die beiden Priester schon zweimal zu einem zwanglosen Treffen eingeladen.

An der Vergangenheit trägt Dozwil aber nach wie vor schwer. Gemeindeammann Germann würde am liebsten gar nicht mehr von ihr reden. «So etwas wie den Röstigraben gab und gibt es in Dozwil nicht», sagt er und hält sich damit an den Rat von Kuhn, der sagte: «Schlechte Gedanken bringen Kummer, Sorgen, Not, Krankheit und Unglück.»

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