Ein Spielplatz der Verfremdungen

Von Holzobjekten über Kohlezeichnungen bis zu Videoinstallationen: Die neue Ausstellung in der Stadtgalerie Baliere bietet unter dem Titel «Kanti zeigt sich» einen Rundblick an Techniken. Heute abend ist Vernissage.

Mathias Frei
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Vorne «Blumen im Kopf», hinten diskutieren Kuratorin Milena Oehy und Lehrerin Ursula Thie die Arbeit «très or», einen golden bezogenen Schädel. (Bild: Reto Martin)

Vorne «Blumen im Kopf», hinten diskutieren Kuratorin Milena Oehy und Lehrerin Ursula Thie die Arbeit «très or», einen golden bezogenen Schädel. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Am Ende ist das Vertraute anders, als es am Anfang gewesen ist. Das Motiv der Verfremdung zieht sich durch die neue Baliere-Ausstellung. Da sind zum Beispiel die acht Schädel der Kanti-Maturandinnen und Maturanden, die im Ergänzungsfach Bildnerisches Gestalten belegt haben. «Am eigenen Kopf zu arbeiten, war für die Schülerinnen und Schüler am schwierigsten», sagt Ursula Thie, Lehrerin der Fachschaft Bildnerisches Gestalten und Werken an der Kantonsschule Frauenfeld.

Die acht 4m-Schüler sollten das Thema Verfremdung problematisieren – anhand eines Gips-Ausgusses des eigenen Kopfs. Was aus dieser Aufgabe resultierte, sind verschiedenartige Annäherungen an den eigenen Körper: der Kopf als schwarzes Loch für das Unbehagen, «die dunkelste Materie» und so Projektionsfläche für einen Horrorfilm, der läuft. Oder: der Kopf für das Kino im Kopf mit dem eingespannten Negativ-Streifen, der Kopf als Schaltzentrale mit Schrauben und Windungen, der Kopf des Alchemisten mit Leuchtmittel statt Schädelplatte oder der mit Gold überzogene Kopf, «très or» also auch Tresor für das Kostbare. Und dann gibt es auch «Blumen im Kopf» und «Das Tier in uns» zwischen Punk-Chic und Animalität.

Den Kopf einzigartig gemacht

Jugendliche haben nicht selten Mühe, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Durch die Verfremdung konnten sie sich gefahrlos von ihrem Selbstbild lösen. Sie vermassen im übertragenen Sinne ihre Köpfe – jedoch nicht, um sie in der Masse zu kategorisieren, sondern – im Gegenteil – um sie einzigartig zu machen.

An der Ausstellung «Kanti zeigt sich» sind nebst den Maturanden auch jüngere Schüler beteiligt. Den 4m-Schülern und den Klassen 1ma, 2mb, 2mc, 2md, 2me, 1fa, 2fa, 2fb, 3fa, 3fb, 3fc ist gemeinsam, dass sie im Bildnerischen Gestalten von den Lehrerinnen Ann-Lis Häsler, Regula Schwarz und eben Ursula Thie betreut werden, drei der sechs Lehrkräfte der Fachschaft. Von den unteren Gymi- und den Fachmittelschulklassen ist eine Auswahl von vier bis sechs Arbeiten pro Klasse zu sehen. Das ergibt dann eine enorm vielseitig bespielte Stadtgalerie Baliere. Die Baliere-Kuratorin Milena Oehy machte ihre gymnasiale Matur auch im Bildnerischen Gestalten. «Wir konnten damals nur in einem Gang im Altbau ausstellen», sagt sie und ist darum glücklich, mit der Baliere eine angemessenere Plattform für dieses Kunstschaffen bieten zu dürfen. «Schön, so viel Verschiedenes zu sehen», sagt Oehy. Umso erstaunlicher mutet die Qualität des Gezeigten an, weil die Kanti Frauenfeld kein musisches Maturitätsprofil anbietet.

Von Espressotasse bis Stilleben

Bei vielen der ausgestellten Arbeiten ging es darum, die kunsthistorische Theorie in der praktischen Anwendung zu vertiefen. Dies ist etwa bei den Gouache-Stillleben der Fall. Bei den Holzobjekten, etwa bei einer übergrossen Lippe oder einem Strahlenstuhl, folgte dem Ideenfindungsprozess der konstruktive Aspekt. Wiederum technisch anspruchsvoll ist die ausgestellte Guss-Gebrauchskeramik, die sich von der Espressotasse zur Müeslischüssel wandelt. Zu den mit dem I-Pad bearbeiteten Science-Fiction-Weltarchitekturen passen ihre modellierten Bewohner aus Ton. Dazu kommen Piktogramme, die durch Verfremdung zu einem neuen Sinnbild werden, sei es als Zinnguss oder im Siebdruck-Verfahren, vergleichbar mit Collagen.

Nicht zuletzt sind auch die Skizzenbücher einen Blick wert. Jede Schülerin, jeder Schüler führt diese Art von gestalterischem Tagebuch. «Getraut euch auch, mal etwas zu machen, das nicht schön ist», sage sie jeweils zu ihren Schülern, erzählt Thie.

Vernissage «Kanti zeigt sich»: heute, 17.30 Uhr, Einführung von Kuratorin Milena Oehy Ausstellung von 13. bis 28. Juni, Mittwoch 17 bis 20 Uhr, Samstag/Sonntag 12 bis 16 Uhr Stadtgalerie Baliere, am Kreuzplatz