Ein Sehbehinderter als Fotograf

STECKBORN. Mit autobiographischen Berichten wurde der 100. Geburtstag des Fotografen und Lehrers Hans Baumgartner an der Steckborner Volkshochschule eingeläutet.

Margrith Pfister-Kübler
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Dieter Füllemann über sein Vorbild Hans Baumgartner. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Dieter Füllemann über sein Vorbild Hans Baumgartner. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Noch nie gab es einen solchen Zulauf in der Volkshochschule Steckborn wie am Donnerstagabend. Mehr als 100 Leute waren gekommen. «Wir wollen an diesem Abend weitergeben, wie wir Hans Baumgartner, Bom genannt, erlebt haben», sagte VHS-Präsident Konrad Füllemann, Alt-Stadtammann und selbst ehemaliger Bom-Schüler. Füllemann warf als Bub einmal Steine auf Autos. «Bom hat mir kommentarlos eine Ohrfeige gegeben; ich habe nie mehr Steine geworfen.»

Freiheitsliebender Abenteurer

Etwas Abenteuerliches haftete Baumgartner an. Er war einer, der in den Ferien in fremde Länder aufbrach, Töff und Morris fuhr, er war ein Einzelgänger, ein zu strenger und pingeliger Lehrer, der immer einen Fotoapparat dabei hatte, ein Paparazzi, immer in Eile. Dieter Füllemann, pensionierter Lehrer und Fotograf aus Eschenz, Jahrgang 1936, war einst Sekundarschüler von Baumgartner.

Er zeichnete in einem autobiographischen Vortrag ein sehr privates Bild von seinem Lehrer Baumgartner. Mit Bildern, Filmszenen und einem TV-Film über Baumgartner, gedreht im Auftrag des Schweizer Fernsehens durch Annemarie Friedli, reicherte er seinen Vortrag an. Dieter Füllemann erzählte spannend und lustig. Er liess phantastische Schulreisen ins Tessin Revue passieren: «Bom hat viel von Hermann Hesse gehalten, und wir Schüler wussten nicht warum.»

Bom-Baumgartner gab lange den eingefleischten Junggesellen mit leidenschaftlichem Freiheitsdrang, bis er als 60-Jähriger doch noch heiratete. Dank Naturkundelehrer Bom fand Füllemann seine Berufung. «So einer möchte ich auch werden», sagte sich der Referent in seiner Jugend und wurde Lehrer und Fotograf.

Alle waren stolz darauf, Bom als Lehrer gehabt zu haben. Ein autoritärer Lehrer sei er gewesen, mit grosser Neugier auf diese Welt, so die allgemeine Erinnerung. Seine Devise: Schüler müssen zur Selbständigkeit und kritischem Hinterfragen erzogen werden.

Ein Sehbehinderter als Fotograf

Die Besucher erfuhren auch, dass Baumgartner von Kindheit an nur mit einem Auge scharf sah. Der Sehbehinderte machte am 2. Juli 1927 sein erstes Foto und brachte es zum erfolgreichen Fotografen Bom, bis er als kranker Mann mit 80 Jahren den Fotoapparat definitiv zur Seite legte.

Seine Dokumente sind heute Zeitgeschichte. Am 10. September 2011 würde er 100 Jahre alt. Das letzte Foto machte er 1966 von der fünften Primarschulklasse. Der Lehrer war Bom-Schüler Dieter Füllemann.

Derzeit wird ein Film über Baumgartner von der Steckborner Filmemacherin Yvonne Escher im Steckborner Lokalfernsehen ausgestrahlt. Übrigens: Bom war Gründungsmitglied der Volkshochschule Steckborn.

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