Ein Schulterklopfen gibt’s für jeden

Kantonales Schwingfest

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Schwinger-Kollegialität: Zuerst wird der Gegner ins Sägemehl geworfen und anschliessend saubergeklopft. (Bild: Donato Caspari)

Schwinger-Kollegialität: Zuerst wird der Gegner ins Sägemehl geworfen und anschliessend saubergeklopft. (Bild: Donato Caspari)

Es ist ein Schwingfest wie aus dem Bilderbuch: laut und fröhlich, die Tribünen voll besetzt mit Zuschauern, es riecht nach Bratwurst, Holzschnitzeln und Sägemehl und aus grossen Lautsprechern dringen die heimatlichen Klänge von Hackbrett und Handorgel. Treichseln, Trachten und Flaggen dürfen natürlich auch nicht fehlen und ein Jodelchor sorgt für die passende musikalische Darbietung. Über diese Festlichkeit strahlt die Sonne vom stahlblauen Himmel.

Das 112. Thurgauer Kantonale Schwingfest lockt die Zuschauer am Sonntag in grosser Zahl auf den Platz. Ob im traditionellen Edelweisshemd oder im Vereins-T-Shirt – zu diesem Anlass scheinen die meisten ihre Verbundenheit mit der Heimat manifestieren zu wollen. Hier kommen Gleichgesinnte zusammen und Jung und Alt mischt sich problemlos. Unter den Sonnenschirmen an den Festbänken wird fleissig Saft getrunken, gejasst und geplaudert. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich aber ständig zum Schwingplatz, wenn Jubelrufe und Applaus erklingen. Die Spannung ist gut spürbar und der Eine oder Andere steigt auf die Bank, um von dort aus das Spektakel im Sägemehl verfolgen zu können.

Die richtig angefressenen Fans finden sich aber an vorderster Front, am Rand des Schwingplatzes. Man erkennt sie daran, wie sie mit Kennerblick die Schauplätze abscannen, eifrig spekulieren, in regelmässigen Abständen die Luft scharf einziehen oder die Hand in die Luft werfen, mit Ihresgleichen fachsimpeln oder Dinge sagen wie «Uii, das isch ganz en Böse». Ab und zu geht ein Raunen durch die Zuschauermenge und manchmal werden die Zähne zusammengebissen, weil man beim Anblick eines schmerzverzerrten Schwinger-gesichts einfach nicht anders kann. Wenn die Bösen dann vom Platz treten, erschöpft und mit Sägemehl paniert, und je nachdem mit Stolz oder Enttäuschung im Gesicht, sind Schulterklopfen und die bewundernden Blicke der Anhänger garantiert. Ein kleiner Junge im Schweizerhemdli mit Chüeligurt schaut mit glänzenden Augen zu den Grossen in ihren Schwingerhosen hoch – er träumt vielleicht schon davon, einmal in deren Fussstapfen zu treten. In dieser ehrwürdigen und etwas nostalgischen Stimmung hegt wohl manch anderer kleiner Zuschauer diesen Traum.

 

Amy Douglas

redaktion@thurgauerzeitung.ch