Ein radikaler Neuanfang

Den Hinterthurgauer Schlagzeilen-Rekord 2016 hält Tobel-Tägerschen. Erst ein komplett neuer Gemeinderat lässt in der Gemeinde Ruhe einkehren.

Olaf Kühne
Drucken
Teilen

Olaf Kühne

olaf.kuehne

@thurgauerzeitung.ch

Die Geschichte begann bereits mit merkwürdigen Vorzeichen: Im Februar 2014 stellte sich der damals noch Auswärtige Anton Stäheli an der Gemeindeversammlung der Wahl zum Nachfolger des langjährigen Gemeindeammanns Roland Kuttruff. Mit einem undurchsichtigen Manöver wollte der damalige Gemeinderat die Wahl Stähelis, notabene zuvor der Wunschkandidat der Wahlkommission, buchstäblich in letzter Sekunde verhindern – mit einer offensichtlich auf einen Sprengkandidaten zugeschnittenen, neuen Verwaltungsstruktur.

Die Stimmbürger goutierten dieses Manöver indes gar nicht. Stäheli wurde klar gewählt. Ruhe kehrte damit in Tobel-Tägerschen damit aber nur für kurze Zeit ein. Im Herbst 2015 trat Gemeinderat Rolf Zimmermann überraschend zurück. Als Gründe für diesen drastischen Schritt benannte er Lügen und Indiskretionen, die über ihn verbreitet würden und seine Familie belasteten. Der sprichwörtliche Anfang vom Ende war eingeläutet.

Kurz darauf entzog der Rest-Gemeinderat seinem Gemeindepräsidenten das Bauamt. Aus den nur spärlich an die Öffentlichkeit gelangten Information konkretisierte sich unter anderem der Vorwurf an die Adresse Stähelis, er habe Gesuchsteller für Bauvorhaben ungleich behandelt.

Der eigentliche Eclat folgte im Januar dieses Jahres: Mit Esther Thoma und Peter Koch warfen zwei weitere Gemeinderäte den Bettel hin, die Behörde stand vor einem Scherbenhaufen. In extremis drohte der Gemeinde gar die Zwangsverwaltung durch den Kanton.

Rekordbeteiligung an Gemeindeversammlung

Im Februar dann der grosse Schlussstrich: Auch Gemeindepräsident Stäheli und sein Vize Walter Vogel gaben ihren Rücktritt per Ende Mai bekannt. Der Weg für geordnete Neuwahlen an der Gemeindeversammlung vom 3. Mai schien geebnet. Doch Stäheli liess sogleich eine Bombe platzen. Er kandidiere wieder, liess er im März verlauten. Damit rief er ein ambitioniertes Duo auf den Plan. Der Tobler Daniel ­Stricker und der Tägerscher Rolf Bosshard traten ebenfalls an – mit dem erklärten Ziel, eine Wiederwahl Stähelis zu verhindern. Die monatelangen Querelen hatten die Bürger mobilisiert. 436 Stimmberechtigte erschienen zur wählenden Gemeindeversammlung und kürten schliesslich den Kantonspolizisten Rolf Bosshard zu ihrem neuen Gemeindepräsidenten – und mit Andreas Eggenberger, Stefan Blum, Rolf Frei ­sowie Roger Kernen auch einen komplett neuen Gemeinderat.

Die neue Behörde ist seither sichtlich bemüht, in der Gemeinde wieder Ruhe einkehren zu lassen, beispielsweise mit der Einführung eines Ressortsystems. Bis anhin mit Erfolg: Ihre erste Gemeindeversammlung meisterten die fünf Männer im Oktober mit Bravour.