Ein Professor ergriff die Initiative

FRAUENFELD. 1865 wurde die «Freiwillige Feuerwehr Frauenfeld» gegründet. Wie andernorts war das ein Ausdruck einer neuen Mentalität: Erst ab dann kämpfte man wirklich gegen Brände, die zuvor als gottgegebenes Schicksal angesehen wurden.

Markus Zahnd
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Stolz präsentieren Frauenfelder Feuerwehrleute die erste Motorspritze, die 1922 angeschafft wurde. (Bild: Josef Winiger/Frauenfeld)

Stolz präsentieren Frauenfelder Feuerwehrleute die erste Motorspritze, die 1922 angeschafft wurde. (Bild: Josef Winiger/Frauenfeld)

Die Kantonshauptstadt könnte heute ganz anders aussehen. Doch die Stadtbrände von 1771 und 1788 haben fast die Hälfte der heutigen Innenstadt zerstört. Zwar gab es zu jener Zeit schon eine Feuerordnung, doch die Löschkorps standen auch wegen wenig entwickelter technischer Hilfsmittel oft auf verlorenem Posten. Es gab also eine Feuerwehr, doch diese konnte oder wollte sich kaum dem Namen entsprechend auch tatsächlich gegen das Feuer wehren. Grundsätzlich musste jeder Mann Dienst leisten, doch die Organisation fehlte weitgehend. Es gab zum Beispiel auch noch keine Übungen. «Zu jener Zeit sah man das Feuer zudem als gottgegebenes Schicksal an. Die Bewohner versuchten einfach, ihr Hab und Gut zu retten», erklärt Stadtarchivar Stephan Heuscher die damals nicht nur in Frauenfeld vorherrschende Mentalität. Das änderte sich erst im Mai 1865, als die «Freiwillige Feuerwehr Frauenfeld» gegründet wurde.

Stephan Heuscher hat sich anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums der Feuerwehr intensiv mit deren Geschichte auseinandergesetzt, hat vor allem die Protokolle der Feuerwehrkommission studiert. Das Ergebnis ist die spannende, 91seitige Festschrift «Von der Feuerspritze zum Tanklöschfahrzeug – 150 Jahre Feuerwehr Frauenfeld», die kommenden Samstag, 20. Juni, am Tag der offenen Tür im Feuerwehrdepot vorgestellt wird.

Turner bilden das Fundament

1865 war also ein bedeutendes Jahr für Frauenfeld. Ein wichtiger Mann für die Stadt war entsprechend Professor Wilhelm Schoch. Der Naturwissenschafter und spätere Rektor der Kantonsschule war Hauptinitiant, erster Vereinspräsident sowie erster Kommandant der «Freiwilligen Feuerwehr Frauenfeld». Diese war zwar ein privater Verein, doch der Dienst im freiwilligen Korps zählte als Erfüllung der Feuerwehrpflicht. Ganz allgemein war die neue Organisation bei den Behörden äusserst gerne gesehen. Bereits im Februar 1865, drei Monate vor der Gründung des Vereins, genehmigte der Gemeinderat, die damalige Exekutive, neue Uniformen. «Es war eine Ehre, in die Freiwillige Feuerwehr aufgenommen zu werden», sagt Heuscher. Im Gegensatz zu vorher gab es nun auch Übungen, in den Anfangsjahren waren das sechs pro Jahr.

Wie in vielen anderen Orten entstand die Feuerwehr in Frauenfeld aus den Reihen der Turner. Für die neue Art der Feuerbekämpfung musste man auch fit sein. Völlig neuartig war das Steigerkorps, deren Mitglieder zuerst Menschen retteten. Danach aber griffen die jungen Männer das Feuer regelrecht an. Sie stiegen auf Hausdächer und legten Schlauchleitungen. «Der Einsatz dieser Männer ist faszinierend. Und dafür brauchte es ganz viel Mut», sagt Heuscher.

1890 wird der Verein aufgelöst

Die Freiwillige Feuerwehr und die Pflichtfeuerwehr bestanden bis 1890 gleichzeitig. Dann löste sich die Freiwillige Feuerwehr auf und ging ein Jahr später in die neu gegründete Feuerkompanie Frauenfeld auf. Damit verbunden war auch eine komplette Neuorganisation. Es gab verschiedene Korps, die je nach Art und Ort des Brandes ausrückten. Insgesamt gehörten der neuen Feuerwehr rund 700 Mann an, wobei die Mitglieder der ehemaligen Freiwilligen Feuerwehr dominierten.

Hydrantennetz gibt es seit 1886

Die Zahl der Feuerwehrleute in Frauenfeld nahm indes bis heute stark ab – derzeit sind es noch rund 120. Der Grund dafür liegt vor allem in der Entwicklung der Technik. In seiner Festschrift konzentriert sich Heuscher zwar nicht unbedingt auf technische Aspekte. Aber dennoch haben sie die Geschichte der Feuerwehr entscheidend geprägt. Wichtige Neuerungen waren zum Beispiel das Hydrantennetz, das 1886 eingeweiht wurde, oder die Motorisierung. So schaffte sich die Feuerwehr 1922 die erste Motorspritze an. Die technische Entwicklung hatte zur Folge, dass es für einen Löscheinsatz weniger Feuerwehrleute benötigte und dass die Löschzüge in den Ortsgemeinden nicht mehr notwendig waren. Der Löschzug Herten wurde allerdings erst 2006 aufgelöst, jener in Neuhausen (1961), Osterhalden (1969), Huben und Horgenbach (beide 1972) wurden einiges früher aufgehoben.

Spritzenhaus genügt nicht mehr

Die Entwicklung in Frauenfeld sei ähnlich wie an anderen Orten, sagt Stadtarchivar Heuscher. Dazu gehört auch die stete Veränderung der internen Organisation. Aktuell gibt es noch zwei Pikettzüge, der dritte wurde 2011 aufgehoben. Bereits seit 1973 ist Frauenfeld eine Stützpunktfeuerwehr. Sogar schon etwas älter sind die Überlegungen, ein neues Feuerwehrdepot zu errichten. Seit 1898 begnügte sich die Feuerwehr mit dem alten Spritzenhaus an der Marktstrasse. Dieses Haus bot allerdings nicht Platz für sämtliche Geräte und Fahrzeuge, die somit an anderen Orten in der Stadt untergebracht werden mussten.

Eigentlich wollte die Stadt bereits 1984 ein neues Depot am heutigen Standort bauen. Doch das Projekt kam erst im April 1990 vor das Volk. Die Frauenfelder stimmten dem 6,3-Millionen-Projekt mit 84 Prozent Ja-Stimmen deutlich zu. Im Dezember 1992 wurde das neue Feuerwehrdepot, das auch heute noch den stets umfangreicheren Anforderungen genügt, mit einem Tag der offenen Tür eingeweiht.

Samstag, 20. Juni, 9.30 bis 16 Uhr: 150 Jahre Feuerwehr Frauenfeld, Tag der offenen Tür im Feuerwehrdepot. Unter anderem Vorstellungen der Festschrift «Von der Feuerspritze zum Tanklöschfahrzeug – 150 Jahre Feuerwehr Frauenfeld» von Stephan Heuscher.