Ein Ort zum Vergessen

Turmspatz

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Ab und zu flattere ich ums Steckborner Schulhaus herum, denn ich möchte wissen, was die Kinder wissen. «Könnt ihr die Bahnstationen auf dem Weg Richtung Schaffhausen aufzählen?», fragt die Leh­re­rin ihre Viertklässler. «Petra?» – «Steckborn, Mammern, Stein am Rhein», sagt das Mädchen.

«Fehlt vorher nicht etwas?» – «Nach Mammern kommt doch gleich Stein am Rhein.» – «Falsch, Robert.» Die Lehrerin schüttelt den Kopf. «Der erste Buchstabe des fehlenden Dorfes ist E., Nora?» – «Meinen Sie diesen langweiligen Vorort?» – «Vorort?», fragt die Lehrerin erstaunt. «Mein Papa sagt immer, dass die Dörfer rund um Stein zum Vergessen sind.» – «Dann wollen wir jetzt zusammen eine Geschichte erfinden. Vom Ort mit E.»

«In diesem Dorf zwischen Mammern und Stein am Rhein», beginnt Petra,«wohnte eine Frau, die Lea hiess. Lea wohnte in einem kleinen Haus mit einem Garten voller Blumen.» – «Weiter, Sven», befiehlt die Lehrerin. «Leider vergassen die Leute den Namen des Ortes, sie vergassen auch, wo er liegt. Am Ende vergassen sie auch Lea in ihrem kleinen Haus mit den vielen Blumen.» – «Sonja.» – «Lea wurde wütend. Sie ging zur Strasse, die durch das Dorf führte. ‹Hallo›, rief sie, doch die Leute fuhren einfach vorbei.» – «Ezra.» – «Da begann Lea zu überlegen. ‹Das Vergessen ist eine ganz schlimme Krankheit›, fand sie und begann, ganz viel darüber zu lernen. Und sie wollte allen Leuten in ihrem Dorf helfen, die diese Krankheit haben.»

«Erzählst du den Schluss, Mina?» – «Weil Lea so viel tat gegen die Krankheit des Vergessens, bekam sie einen Preis, und endlich wurde dieser Ort mit E bekannt.» Unsere Schüler sind ganz schön clever, auch wenn sie Eschenz nicht kennen.