Ein neuer Hühnerstall und fürs Ego schöne Wappen

Neuste Forschung zu Schloss Frauenfeld

Mathias Frei
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Ein Teil des Wappenfrieses im Gerichtssaal des Schlosses: die Embleme der Luzerner Landvögte. (Bild: Historisches Museum Thurgau/PD)

Ein Teil des Wappenfrieses im Gerichtssaal des Schlosses: die Embleme der Luzerner Landvögte. (Bild: Historisches Museum Thurgau/PD)

Johann Caspar Hirzel war’s. Das belegt eine Bauabrechnung, die im Aargauer Staatsarchiv liegt. Der Zürcher Hirzel wollte mit den Wappen seine Macht legitimieren. Denn finanziell war im Thurgau wenig zu holen, zumindest nicht auf dem offiziellen Weg. Es ist davon auszugehen, dass Hirzel in den Jahren 1658/59 das schmucke Wappenfries im Gerichtssaal von Schloss Frauenfeld hat anbringen lassen. Bisher ging die Geschichtswissenschaft davon aus, dass die Embleme der Eidgenössischen Landvögte erst um 1700 entstanden. Denn mit Jacob Schindler, der bis 1700 Landvogt im Thurgau war, endet die Wappenreihe. Zudem war bislang nicht bekannt, wer Urheber der Wandmalerei ist.

Der Winterthurer Historiker Peter Niederhäuser hat am aktuellen Museumshäppli des Historischen Museums Thurgau über den neusten Forschungsstand zur Schlossgeschichte gesprochen. Über zwei Seiten des Gerichtssaals erstreckt sich der Wappenfries. Die Familienembleme der Eidgenössischen Vögte im Thurgau von 1461 bis 1700 sind abgebildet, insgesamt fast 120. Die sieben Eidgenössischen Orte (ohne Bern) machten damals die Vogtei im Zwei-Jahres-Rhythmus unter sich aus. 1460 hatten die Eidgenossen den Thurgau erobert. Der Vogt der sieben Stände logierte fortan im Spiegelhof. 1499 ging auch das Landsgericht an die Eidgenossen über, nun aber zu den zehn Ständen, also mit Bern, Solothurn und Fribourg. 1534 zog dann der Landvogt ins Schloss ein. Die sieben Orte zahlten der bisherigen Besitzerin, der Familie Landenberg, 325 Gulden und legten noch den Spiegelhof im Wert von 300 Gulden drauf. Ein normales Altstadthaus gab es damals für 150 Gulden, schätzt Historiker Niederhäuser. Zwei Gärten gab’s dazu. Den Eidgenossen sei ein repräsentativer Landvogtsitz wichtig gewesen. Das Schloss war ein Sonderrechtsbezirk innerhalb der Stadt. Der Schlossbetrieb an sich sei aber wenig rentabel gewesen, sagt Niederhäuser. Denn es fehlte das Landwirtschaftsland.

Johann Caspar Hirzel war in den Jahren 1658/59 Thurgauer Landvogt und Gerichtsherr auf Schloss Frauenfeld. Von einer Amtszeit einige Jahre vor Hirzel gibt es eine Abrechnung. 1653/54 machte die Thurgauer Landvogtei ein Defizit von 40 Gulden. Dafür mussten die sieben Orte geradestehen. Das Thurgauer Landgericht hingegen erwirtschaftete 124 Gulden. Für jeden der zehn Stände gab es also rund 12 Gulden. «Damit konnte man sich einen Drittel einer Kuh kaufen», sagt Niederhäuser. Die Einnahmen des Landgerichts bestanden mitunter aus Bussgeldern, was also indirekt lohnrelevant war für den Gerichtsherr.

Niederhäuser bezeichnet Hirzel als typischen Zürcher Patrizier. Hirzel wurde 1617 als Sohn des Salomon Hirzel, späterer Zürcher Bürgermeister, geboren. Der junge Hirzel hielt sich für Studien in Genf und Padua auf. Im Alter von 20 Jahren schaffte er die Wahl in den Grossen Rat. 1650 erwarb er Schloss Kefikon. «Er kannte also nicht nur Zürich, sondern hatte auch ein gewisses Interesse am Thurgau», stellt Niederhäuser fest. Im Folgejahr wurde Hirzel Zürcher Stadtschreiber. Dieses Amt behielt er auch während der Vogteizeit in Frauenfeld inne. Im Jahr 1669 trat Hirzel in die Fussstapfen seines Vaters und wurde Zürcher Bürgermeister. 1692 starb Hirzel.

Die besagte Bauabrechnung von Hirzel zu Schloss Frauenfeld beläuft sich auf stattliche 386 Gulden. «Damit gibt Hirzel deutlich mehr Geld aus als viele andere Landvögte», sagt Niederhäuser. Für diesen Betrag saniert Hirzel unter anderem die Schlossmauern. Weiter werden aussen und innen Wände neu gestrichen, die Fensterläden gemacht und die Küche auf Vordermann gebracht. Die alte Badstube wird wieder in Betrieb genommen. Dazu gibt es einen neuen Hühnerstall. Und schliesslich werden an verschiedenen Orten die teils verblassten Wappen «vom Maler ordentlich eingefasst», auch in der «grossen Stube», im Gerichtssaal. «In der Meinung, dass dies den Gnädigen Herren zu Ehre und Ansehen und jedem Landvogt zu Gefallen sei», heisst es in der Abrechnung. Historiker Niederhäuser geht davon aus, dass der Gerichtssaal unterhalb des Wappenfrieses getäfert war. Und genau hinter diesem Täfer verewigt sich Hirzel diskret als Spender mit seinem kunstvoll ausgeschmückten Familienwappen. Sein Zeichen ist heute freigelegt. Zürich war von den sieben Ständen über die Landvogtei Thurgau der einzige echt reformierte Ort. Hirzel ist deshalb mit Misstrauen seitens der anderen katholischen Stände konfrontiert. Der Fries könne durchaus als gemeinsames Projekt verstanden werden, um die Herrschaft der Eidgenossen im Thurgau zu legitimieren, sagt Niederhäuser. Er spricht von der Herstellung eines Konsen-ses «zur gemeinsamen Geschichte».

Gemäss Niederhäuser ist die Wappenreihe im Gerichtssaal rekonstruiert. Vor der Schlossrestaurierung 1959/60 waren die Malereien kaum mehr sichtbar. Er geht davon aus, dass den Restauratoren eine kolorierte Druckgrafik von 1771 als Vorlage diente.

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch