Ein Mann behält den Überblick

Walter Schlumpf sitzt 40 Meter über dem Erdboden in der Führerkabine seines Krans. Tag für Tag blickt er auf die Baustelle unter ihm. Er ist der Mann, der die Liegenschaft «Speer-Viktoria» ihrer neuen Bestimmung entgegenführt.

Monique Stäger
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Ein Arbeitsplatz in schwindelerregender Höhe. (Bilder: mst.)

Ein Arbeitsplatz in schwindelerregender Höhe. (Bilder: mst.)

WIL. Er hat einen beneidenswerten Arbeitsplatz. Hoch über den Dächern und Gassen Wils sitzt er in seiner Kabine. Er hat den perfekten Überblick. «Bei schönem Wetter kann ich bis in die Glarner Alpen blicken», schwärmt Walter Schlumpf. Das Wetter kann ihm aber auch zusetzen: «Der Wind ist mein Feind.» Sein Arbeitsplatz ist dort, wo sein Kran steht. Und dieser steht im Moment Auge in Auge mit dem altehrwürdigen Speer-Viktoria, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Oberen Bahnhofstrasse.

Ein vertrauter Anblick

Der routinierte Kranführer ist seit über 25 Jahren im Geschäft. «Wil von oben ist mir vertraut», erzählt der sympathische Handwerker. «Ich war damals beim Bau des Stadtmarkts dabei.» Auch dort hatte Walter Schlumpf die Hand an der Steuerung des Krans.

Obwohl er seit Jahren als Kranführer tätig ist, übt die Baustelle am «Speer» eine grosse Faszination auf ihn aus. «Eine Präzisionsarbeit, die höchste Ansprüche an alle Beteiligten stellt.» Sie sei auch für ihn eine Premiere, erklärt er. «Ich habe noch nie ein Haus mit dem Kran abgerissen. Bisher habe ich stets Häuser gebaut.» So sitzt er rund 40 Meter über der Baustelle, und der Abstand vergrössert sich täglich. Da beim «Speer-Viktoria» die Aussenfassaden erhalten bleiben, wird die Liegenschaft von innen ausgehöhlt. Aber beim Keller ist noch lange nicht Schluss, denn dort geht es noch tiefer hinunter, eine Tiefgarage wird hier gebaut.

Ungebrochene Leidenschaft

Zu Beginn der Arbeiten pendelte am Kran zuweilen ein halbes Dach, später Wände und immer öfter hievt Walter Schlumpf riesige Baumulden, gefüllt mit Schutt und Metallträgern aus der Baustelle, damit diese dann abtransportiert werden können.

Die Bagger, die weit unter ihm Geröll abtragen und Wände einreissen, faszinieren den Kranführer. «Wie Dinosaurier fressen sie sich mit ihren Schaufeln durch Wände und Schutthaufen», vergleicht er, und seine blauen Augen leuchten wie bei einem Jungen, der sein Lieblingsspielzeug unter dem Weihnachtsbaum findet. Die Freude am Beruf ist ihm anzusehen, seine Leidenschaft und Begeisterung ansteckend. «Aber manchmal ist es hier oben auch etwas einsam.» Vor allem wenn er von oben die Kollegen sehe, die lachen und scherzen.

Von der Mauer in die Lüfte

Sein Berufsweg begann mit einer Maurerlehre. «Diese Arbeit hat mir sehr gut gefallen, doch kaum war ich aus der Lehre, wurden bei uns in der Firma Kranführer gesucht», erinnert er sich. Er habe eine Vorliebe für grosse Maschinen, und so habe er eine Ausbildung zum Kranführer gemacht. «Auch Baggerführer hätte mir gefallen, aber auf Dauer ist Kranfahren interessanter.»

Und was passiert, wenn Walter Schlumpf krank ist oder in die Ferien verreisen will? Bleibt der Kran dann stehen? Schlumpf lacht: «Ich darf halt nicht krank werden.» Und etwas ernster fügt er hinzu: «Wir haben schon Ersatzleute, die diesen Job machen können, niemand ist unersetzlich. Aber diese Baustelle ist wirklich heikel und setzt nicht nur Können, sondern auch Routine voraus.» Ferien seien schon möglich, auch ausserhalb der Bauferien im Sommer. Dann würde ein Ersatzmann eingestellt.

Die Umgebung verändert sich

Noch bis im Sommer ist Walter Schlumpfs Arbeitsplatz im Herzen Wils. Täglich wird er mehrmals 40 Meter hinauf- und hinab- klettern und erleben, wie die Tage wieder länger werden, die Bäume sich in neuem Grün präsentieren und die Bahnhofstrasse ihr Aussehen den Jahreszeiten anpasst. Die Baustelle wird sich verändern, die skelettartigen Mauern werden wieder zu einem Gebäude mit Dach gehören. In seiner Kabine hoch über den Dächern behält Walter Schlumpf den Überblick, für den er an schönen Tagen von den Passanten beneidet wird.

Walter Schlumpf arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Kranführer.

Walter Schlumpf arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Kranführer.