Ein Leidwerker und zwei Schinkenliebhaber vor Gericht

August Meier, Hilfsarbeiter von Buch-Uesslingen, geb. 1884, ist angeklagt des Versuches des gefährlichen Diebstahls und des ausgezeichneten Diebstahls im Wertbetrag von unter 200 Fr. Er ist geständig. Seine beiden Kameraden Otto Jagen, Polier von Hüttwilen, geb.

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August Meier, Hilfsarbeiter von Buch-Uesslingen, geb. 1884, ist angeklagt des Versuches des gefährlichen Diebstahls und des ausgezeichneten Diebstahls im Wertbetrag von unter 200 Fr. Er ist geständig. Seine beiden Kameraden Otto Jagen, Polier von Hüttwilen, geb. 1882, und Adolf Ogi, Schlosser von Langnau, Kt. Luzern, geb. 1892, sind angeklagt der Teilnahme. Jagen ist geständig, Ogi nicht.

Der Angeklagte Meier war früher mehrere Jahre bei Konrad Wiesmann, Schulpfleger in Oberneunforn, als Dienstknecht in Stellung. Als er später mit dem Armenpfleger in Uesslingen zusammenkam, soll ihm dieser mitgeteilt haben, sein früherer Meister habe sich geäussert, sein früherer Knecht sei etwas «leicht» gewesen. Dies soll Meier geärgert haben, und er will damals den Entschluss gefasst haben, seinem früheren Meister einmal zu «leidwerken».

Dietrich und falsche Bärte

Meier teilte seinen Entschluss dem Jagen mit und fügte bei, man könnte dort Speck und Schinken holen. Dem schon mehrmals vorbestraften Jagen leuchtete der Gedanke ein. Auch bemerkte er, er könnte einen Dritten mitbringen, der ein grosser Schinkenliebhaber sei. Dieser Dritte war der Ogi, der in seinen Mussestunden gelegentlich Dietriche anfertigte. Jagen bestellte derlei Dietriche und sorgte ausserdem für falsche Bärte, die der Bruder Jagens bei dessen Lehrmeister entwendete.

Nachdem sich die drei Kameraden am 30. Sept. 1915 in einer italienischen Kantine in Zürich getroffen hatten, fuhren sie mit der Bahn nach Frauenfeld. Dort stärkten sie sich noch mit Speise und Trank und gingen dann zu Fuss nach Oberneunforn. Dort öffnete Meier den Stall seines früheren Meisters mit einem Dietrich. Dann ging er durch Stall und Tenne in den Keller, wo er von einer Stange vier bis fünf Stück geräuchertes Schweinefleisch wegnahm, das er im Rucksack versorgte, den ihm Jagen und Ogi hielten. Das Aufsprengen eines Fensters zum Wohnhaus gelang ihnen ebenso wenig wie ein Einbruch mittels Dietrich. So machten sich die drei mit ihrem gestohlenen Fleische davon.

In einer Scheune bei Ossingen übernachteten sie. Dort wurden sie vom Besitzer aufgescheucht. Da sie dem Stationsvorstand und den anderen Passagieren am Bahnhof Ossingen aufgefallen waren und Schlimmes befürchteten, verliessen sie den Zug Richtung Winterthur wieder und flohen in der Richtung Dachsen. Dort wurden sie von Bauern auf Anweisung des Landjägers verhaftet, wobei Jagen mit einem Revolver drohte.

Es war bloss ein Spaziergang

In der Untersuchung verwickelten sich die drei in mannigfache Widersprüche. Schliesslich bequemten sich Meier und Jagen zu einem Geständnis, während Ogi, der einzige Verheiratete der Gesellschaft, aus Rücksicht auf seine Familie behauptete, er habe geglaubt, es handle sich um einen Spaziergang und er wisse vom Diebstahl nichts, da er wegen Einnahme von drei Deziliter Schnaps seiner Sinne nicht mehr mächtig gewesen sei.

Gefährlicher Diebstahl

Die Kriminalkammer sprach den Meier des Versuchs des gefährlichen Diebstahls im Wertbetrage unter 200 Fr., die Angeklagten Jagen und Ogi der Teilnahme am Versuch des gefährlichen Diebstahls und der Teilnahme am ausgezeichneten Diebstahl im Wertbetrage unter 200 Fr. schuldig und verurteilte den Meier zu einer Arbeitshausstrafe von 4 1/2 Monaten, den Jagen zu einer Arbeitshausstrafe von 4 Monaten und den Ogi zu einer Haftstrafe von 2 1/2 Monaten. Die Untersuchungskosten haben Meier zu 3/6, Jagen zu 2/6 und Ogi zu 1/6, die Kosten der Verhandlungen Ogi zu 4/6, Meier und Jagen je zu 1/6 zu tragen.

Beim Strafausmass wurde berücksichtigt, dass Meier der Täter, Jagen aber der geistige Leiter war, während Ogi als von seinem Freunde Jagen verführt gelten konnte, der mitgegangen mitgefangen worden war.

Zugunsten der Angeklagten sprach der gute Leumund bei Meier und Ogi, sowie dass sie bei ihrer Flucht das gestohlene Fleisch samt Rucksack weggeworfen hatten, so dass dieses wieder zurückerstattet werden konnte.