Ein Kiosk ist kein Geldesel

FRAUENFELD. Nach erst zehn Monaten Betrieb sucht Ali Ahmadi für seinen Schalter-Kiosk am Holdertor-Kreisel in Frauenfeld schon einen Nachmieter. Ahmadi und auch andere private «Kiöskler» stecken Herzblut in ihr Geschäft, werden aber nicht reich.

Mathias Frei
Merken
Drucken
Teilen
Ein 12-Stunden-Tag für die Kunden: Mit seinen 200 verschiedenen Artikeln wird Ali Ahmadi nicht reich, aber er ist zufrieden damit. (Bild: Reto Martin)

Ein 12-Stunden-Tag für die Kunden: Mit seinen 200 verschiedenen Artikeln wird Ali Ahmadi nicht reich, aber er ist zufrieden damit. (Bild: Reto Martin)

Wenn das Schiebefenster offen ist, dröhnt der Verkehr vom Holdertor-Kreisel. Und Ali Ahmadi muss an diesem Dienstagvormittag innert einer halben Stunde sicher zehnmal das Fenster öffnen. Einer kauft für einen Hunderter Tabak und Zigaretten-Papier. Ein Päckli «Papierli» gibt's gratis. Dann gehen Zigaretten, Glücklose und Lottoscheine über den kleinen Tresen von Ahmadis winzigem Kiosk mit einem für diese Grösse ansehnlichen Sortiment von 200 Artikeln.

Netto 3000 Franken im Monat

Der aus Afghanistan stammende Ahmadi sucht aber einen Nachmieter für seinen Kiosk. Er, der den Kiosk am Holdertor seit zehn Monaten betreibt, zuvor in Zürich einen Kiosk hatte, täglich fast zwölf Stunden arbeitet, sechs Tage in der Woche. «Netto 3000 Franken im Monat lassen sich mit diesem Kiosk machen», sagt er. Vielerorts hätte er einen besseren Stundenlohn. Aber er sei zufrieden, in diesem Laden stecke viel Herzblut.

Doch der 28-Jährige, der seit sechs Jahren in der Schweiz lebt, will länger reisen – nach Iran und nach Australien – und den LKW-Führerschein machen, damit er irgendwann in Zürich oder anderswo ein Tram oder einen Bus lenken kann.

Den Stammkunden verpflichtet

Innert kurzer Zeit seien einige Anfragen auf sein Internet-Inserat eingegangen. Miete zahlt er knapp 800 Franken, für seine Ware und seine Investitionen in das Inventar will er 30 000 Franken. «Gepasst hat bisher noch nichts. Deshalb sind auch die Reisepläne vorerst auf Eis gelegt.» Die einen hätten keine Ahnung, wie man einen Kiosk betreibe, die anderen zu wenig Kapital, und dann gebe es noch jene, die einfach ein zu schlechtes Deutsch sprächen. Zudem fühlt sich Ahmadi auch seinen Stammkunden gegenüber verpflichtet. Denn ohne sie laufe so ein Laden nicht. Und sollte es dann doch nicht klappen mit dem ÖV-Job, könne er sich gut vorstellen, wieder einen Kiosk aufzumachen. Aber nicht mehr am Holdertor. «Hier hat es mir zu viel Lärm.»

Nach zwei Jahren läuft's

In Frauenfeld gibt es noch andere Kioske, die nicht einem grossen Unternehmen gehören. Zum Beispiel das Kiosk-Häuschen von Marlies Brönimann beim Restaurant Landhaus oder auch der Haha-Shop von Ruth und Hans Brüderlin gegenüber der Migros-Filiale Zeughausstrasse. «Wenn man die ersten zwei Betriebsjahre überstanden hat, kann man davon leben», sagt der pensionierte Hans Brüderlin.

Seit neun Jahren betreibt er mit seiner Frau zusammen den Kiosk-Shop. Die Zeiten von «Ich kam, sah und siegte» seien für private Kioskbetreiber definitiv vorbei. Es brauche halt genügend «Schnuuf», sagt Brüderlin. Und lange Öffnungszeiten: Brüderlins haben als Rentner eigentlich noch immer Vollzeitjobs. Denn ihr Kiosk ist jeweils von morgens um 6 Uhr bis 20 Uhr geöffnet. «Und man darf keine fünf Minuten früher schliessen. Denn es kommt sicher noch ein Kunde, der dann vor verschlossener Türe steht», erklärt Ruth Brüderlin. Eine gute Kundenbeziehung ist wichtig in diesem Geschäft. Sie hätten nur zweimal den Kiosk früher geschlossen, einmal wegen einer Beerdigung und ein zweites Mal am 65. Geburtstag ihres Mannes, sagt Ruth Brüderlin.

Und wie ist das Verhalten als privater «Kiöskler» zum Schweizer Kiosk-Riesen Valora? «Wir stehen auf Kriegsfuss, aber es herrscht Waffenstillstand», meint der Pensionär lachend. Die Valora habe das Monopol auf Zeitungen und Zeitschriften. Deshalb respektiere man sich. «Wir haben dafür immer guten Kaffee», wirft seine Ehefrau ein.