Ein halbes Kilo Kokain nach Lommis transportiert

Schüchtern wirkt er, der schlanke Mann aus der Dominikanischen Republik. Den Kopf gesenkt, die Schultern hängend und die Hände ineinander gefaltet, sitzt er auf einem Stuhl hinter seinem Verteidiger, neben ihm ein Polizist.

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Schüchtern wirkt er, der schlanke Mann aus der Dominikanischen Republik. Den Kopf gesenkt, die Schultern hängend und die Hände ineinander gefaltet, sitzt er auf einem Stuhl hinter seinem Verteidiger, neben ihm ein Polizist. Wäre er nicht in Münchwilen vor Gericht, wo er des Drogenhandels angeklagt ist, man könnte ihn für einen Studenten halten: Brille, modernes Hemd, Skinny-Jeans und Turnschuhe. Und er redet leise, flüstert beinahe. Weil er Deutsch weder versteht noch spricht, übersetzt ein Dolmetscher ins Spanische.

Not trieb ihn in die Schweiz

Die wirtschaftliche Situation hatte den 42-Jährigen von Spanien in die Schweiz getrieben. Den Job verloren, kein Geld, eine Frau, vier Kinder. Er konnte seine Familie nicht mehr ernähren. So reiste er als Tourist in die Schweiz. In Zürich traf er Personen, die mit Drogen handelten und die ihn, der selber Kokain, aber auch Marihuana konsumierte, als Fahrer und Kurier anheuerten.

Eine Drogenlieferung in den Hinterthurgau wurde ihm dann auch zum Verhängnis. Die Thurgauer Kantonspolizei schnappte den Mann im August des letzten Jahres in Lommis. Von Glattbrugg herkommend, steuerte er den Parkplatz eines Restaurants an, wo er einer ihn begleitenden Frau fast ein halbes Kilogramm Kokain übergab. Die Frau lieferte die Drogen dem Wirt des Restaurants ab. Der Wirt allerdings, der war schon länger wegen des Verdachts auf Drogenhandel von der Polizei überwacht worden.

Während des Ermittlungsverfahrens – der Angeklagte verhielt sich gemäss dem Staatsanwalt sehr kooperativ – gab er noch weitere Vergehen zu. So erhielt er im Mai 2010 200 Gramm Kokain, die er in 20 Fingerlinge verpackt in seinem Körper nach Österreich schmuggeln wollte. Während der Fahrt befielen ihn aber Bauchschmerzen, worauf er die Fingerlinge auf einem Rastplatz ausschied und sie sich in die Unterhose steckte. So passierte er dann die Grenze und lieferte die Drogen im Nachbarland ab. Begleitet hatte ihn der eigentliche Drahtzieher des Drogendeals, dieser war für die Verteilung des importierten Kokains in der Schweiz zuständig, sowie dessen Ehefrau und ihre Kinder. Ausserdem gab der Angeklagte zu, zwischen Mai und August 2010 mit einer Frau im Raum Zürich neunmal 100 Gramm und elfmal 200 Gramm (insgesamt 3,1 Kilogramm) an Abnehmer geliefert zu haben.

Kiloweise Koks transportiert

Insgesamt sind es der Transport von 3800 Gramm Kokain (was knapp einem Kilo reinem Kokain entspricht), den die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten vorwirft. Sein Verschulden wiege schwer, meint der Staatsanwalt. Er erläutert es an einem Rechenbeispiel: Mit der genannten Menge hätten 100 Konsumenten mit 38 Gramm Kokain versorgt werden können. Bei einer Dosis von einem Gramm pro Tag, was bei Gewohnheitskonsumenten durchaus vorkommt, hätten 100 von ihnen mehr als ihren Monatsbedarf stillen können. Dem Mann zugute hält der Staatsanwalt, dass er nicht Initiator der Drogendeals war, sondern eine untergeordnete Stellung in der Organisation innehatte und sein Verdienst bescheiden ausfiel.

Er fordert eine Freiheitsstrafe von 34 Monaten, davon 17 Monate bedingt auf eine Probezeit von zwei Jahren. Auf dieses Strafmass hatte sich der Staatsanwalt mit der Gegenpartei, dem Angeklagten und seinem Verteidiger, geeinigt. Dies ist möglich, weil der Angeklagte vollumfänglich geständig ist und somit das seit Anfang Jahr erlaubte abgekürzte Verfahren angewendet wird. Bei der Gerichtsverhandlung werden denn auch keine Zeugen befragt, Plädoyers werden ebenfalls keine verlesen. Die Richterin stellt lediglich ein paar Fragen zur Vergangenheit des Angeklagten.

Strafe von 34 Monaten

Nach kurzer Beratung folgt das Gericht dem Antrag des Staatsanwaltes und verurteilt den Mann zu einer Gefängnisstrafe von 34 Monaten, von denen er 17 Monate absitzen muss. Ihm angerechnet werden die Tage in Untersuchungshaft und diejenigen seit seinem vorzeitigen Haftantritt. Für den Drogenkonsum brummt das Gericht dem Angeklagten darüber hinaus noch eine Busse von 100 Franken auf. Zum Schluss verspricht der Verurteilte, nach seiner Haftentlassung nach Spanien zu seiner Frau und seinen Kindern zurückzukehren. Drogen konsumiert er keine mehr. «Ich habe gemerkt, welchen Schaden ich mir zugefügt habe.» Philipp Haag

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