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Ein goldener Clown für die Löwen

«Mami, wo isch dän jetzt de Leu?», fragt das kleine Mädchen in der gelben Regenjacke.
Daniela Huber
Der Dompteur Bruno Gaffo mit seinen sieben Löwen an der Premiere des Circus Royal. (Bild: Andrea Stalder)

Der Dompteur Bruno Gaffo mit seinen sieben Löwen an der Premiere des Circus Royal. (Bild: Andrea Stalder)

Es riecht nach Popcorn und frischem Sägemehl, nach fremden Tieren und Weinfelder Winterluft. Der Boden ist ganz weich, als würde man auf Moos gehen, hinein in eine fremde Welt, in der wundersame und schaurige Sachen passieren werden. Der Circus Royal ist da, und alle Welt ist auch da, zur Premiere. «Manege frei», erklärt der Zirkusdirektor, der genau so aussieht, wie man sich einen Zirkusdirektor vorstellt: stattliche Statur, roter Frack, schwarze Hose, goldene Knöpfe und natürlich goldene Schulterpatten am Frack. Das Mikrophon knattert ein wenig, aber seine Stimme nicht, alle schauen, alle sind still, und dann kommen sie in die Manege, die Romanfiguren unserer Kindheit. Die Clowns, die schönen Frauen, die Jongleure, die sich alle hinter dem Vorhang versteckt hatten.

Die wirbelnden Kubaner

Clown Stevy leert das Wasser aus und klaut die Weinflasche des Direktors, Büffel mit riesigen Hörnern verbeugen sich, Lamas, die tänzeln ganz schön, und ein paar riesige Vögel, die rennen im Kreis. Dann kommen die Kubaner, die tänzeln auch ganz schön, aber machen noch viel verrücktere Sachen dazu. Sie hätten letzte Woche das Flugzeug in die Schweiz verpasst und für reichlich Zittern beim Zirkus gesorgt. Aber jetzt haben sie es doch geschafft, wirbeln in Weinfelden in der kalten Winterluft herum, fangen sich gegenseitig wieder auf und stapeln sich aufeinander wie Bierdeckel. Alles ohne Sprungtuch. «Circus Knie kann grad einpacken, die trauen sich doch gar nichts zu», flüstert man in den Reihen. Das hier sind richtige Menschen, manchmal ist eine Bewegung etwas eckig, manchmal muss einer sich schnell an der Nase kratzen. Aber die Augen leuchten, denn schliesslich tanzt und springt und fällt man in einem Zirkus.

Die Löwen schauen blasiert

Riesige Gitterwände werden hereingetragen. Jetzt kommen dann also die Löwen. Hierhin. Einfach vor unsere Gesichter. Es wird ganz still und dunkel. Die Eltern sollen gut auf ihre Kinder aufpassen und schauen, dass sie nicht irgendwo auf dem Platz herumspazieren, jetzt gerade, warnt der Zirkusdirektor. Da huscht ein Schatten in die Manege, noch einer und noch einer, bis es sieben Löwen sind, die sich stolz und ein wenig geniert auf den Podesten plazieren. Die zwei weissen Löwen haben einen goldenen Clown gewonnen in Monte Carlo. Einen goldenen Clown. Wenn das nicht besser ist als zehn Oscars. Da kommt Bruno Gaffo herein, der Löwendompteur. Der ist in Argentinien mit Raubkatzen aufgewachsen, und alle seine Brüder sind auch Löwendompteure. Bruno hat ganz viel Muskeln, eine tiefe Stimme und nach hinten gegelte Haare. Die Löwenmädchen brüllen auf Befehl, strecken die Tatzen in die Höhe und springen von Podest zu Podest. Manchmal blinzeln sie ein wenig blasiert vor sich hin. Alt und Jung staunt und klatscht begeistert, als die letzte Katze stolz aus der Manege trabt.

Nach der Pause sind die Kubaner scheinbar verrückt geworden, denn jetzt lassen sie sich von einem Katapult in die Luft schiessen und wollen auf einem fünf Meter hohen Stuhl landen, der von einem Artisten getragen wird. Julio ist der leichteste, der schafft das.

Dann ist alles vorbei, und fast will man hier bleiben in der Kindergeschichte, und fast will man sich erkundigen, ob es nicht noch einen Babysitter oder einen Pferdepfleger braucht. Aber man kann ja immer wieder zuschauen kommen, und zuschauen ist am Ende vielleicht viel schöner als mitmachen.

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