Ein Flirt reist Huckepack

Wenn einem auf Thurgaus Strassen eine S-Bahn entgegenkommt, dann liefert Stadler Rail mit Tiefladern aus. Dafür braucht es Profis mit Fingerspitzengefühl – und an engen Stellen etwas Glück. Von Elisabeth Reisp & Urs Jaudas (Fotos)

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Präzisionsarbeit mit über 60 Tonnen: Der 32 Meter lange Tieflader nutzt jeden Millimeter, um den Kreisel zu bewältigen.

Präzisionsarbeit mit über 60 Tonnen: Der 32 Meter lange Tieflader nutzt jeden Millimeter, um den Kreisel zu bewältigen.

Weinfelden. Lässig an den Transporter gelehnt rauchen die drei jungen Lastwagenchauffeure die letzte Zigarette, bevor sie die lange Reise in Angriff nehmen. Sie reden nur wenig. Wenn, dann sind es knappe Sätze, eher gemurmelt als gesprochen. Viele Worte brauchen sie nicht, um sich zu verständigen. Die drei Brummi-Fahrer aus Hamburg warten an dem lauen Frühlingsabend vor den Hallen der Stadler Rail, bis die Polizei das OK zur Abfahrt gibt. Sie transportieren zwei Waggons des Flirt-Zuges für Finnland bis ins deutsche Lübeck.

Die schräg stehende Sonne wirft ein warmes Licht auf die aufgeladenen Zug-Waggons. Es verspricht ein schöner Sonnenuntergang zu werden.

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Nervös sind die drei Jungs nicht. «Is ja nich das erste Mal, nich», sagt Patrick in breitem Hamburger Akzent. Patrick wird den Tross anführen. Der Tross: Zwei Schwertransporter, je ein deutsches und ein Schweizer Begleitfahrzeug sowie zwei Polizeiwagen. Und überdies seien die Transporter ja nur 32 Meter lang, sagt Patrick achselzuckend.

Ein Klacks für die Jungs, ab 48 Meter werde es etwas anspruchsvoller.

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Die zwei Polizisten machen einen letzten Kontrollgang um die Schwertransporter. Sie haben ihre orange Leuchtjacke an. Die werden sie im Verkehr brauchen, wenn sie die Strassen für den Zug-Transport frei halten. Die Polizisten kontrollieren gebückt und mit schrägen Köpfen alle Abstände.

Sie sind fast zufrieden, die Warntafeln für überbreite Transporte müssen um weitere fünf Zentimeter ausgezogen werden. Denn das ausfahrbare Trittbrett des Flirts steht vor.

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Stadler-Züge auf der Strasse, das ist eine Ausnahme. Normalerweise reisen alle Züge auf Schienen an ihren Bestimmungsort. Lediglich Breitspur-Züge wie jene für die finnischen Stadt Helsinki werden von Schwertransportern Huckepack genommen. 32 Kompositionen hat die finnische Bahn bei der Stadler Rail bestellt.

Acht sind bereits in Helsinki.

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Die Polizei erteilt endlich das OK für den Start. Es gibt keine grossen Abschiedsworte. Ein «Tschüss, bis bald» von den wortkargen Fahrern muss reichen. Sie werden wiederkommen. Noch zwei Dutzend Kompositionen des Flirts-Zuges werden dieses Jahr nach Finnland geliefert.

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Eine Komposition besteht aus vier Wagen. Sie werden jeweils zu zweien nach Finnland gebracht. Auf Schwertransportern erreichen sie den Lübecker Hafen. Von dort reisen die Flirt-Waggons per Frachtschiff weiter. Ohne den Transporter, dafür auf einer platzsparenden Rollunterlage. Denn auf dem Schiff wird die Fracht nach Volumen verrechnet.

In Helsinki machen die Flirts den Flughafen-Transfer. Eine Komposition testen die Finnen seit zwei Jahren auf dieser Strecke, und sie sind von der Thurgauer Wertarbeit begeistert. Die Züge für Finnland sind 30 Zentimeter breiter als die hiesigen Thurbos. Das bedeutet, mehr Platz für die Fahrgäste. Dafür halten sie sich farblich bedeckt: Das Interieur ist eher nordische Polarnacht als Thurgauer Frühlingspracht.

Die finnischen Züge unterscheiden sich noch in anderen Punkten vom Thurgauer Original. Der strenge Winter lässt im hohen Norden die Temperaturen bis minus 40 Grad fallen. Der Lack muss also frostbeständig sein. Die tiefen Temperaturen führen zudem auch zu extrem trockenem Schnee. Der wird zu Staub und dringt in jede noch so kleine Ritze. Der ganze Unterbau muss daher gut abgedichtet sein. Zudem werden sämtliche Leitungen isoliert und teilweise sogar erhitzt. Der finnische Flirt ist der einzige Zug mit Wärmewechsler.

Ein energiesparendes Detail. Bevor die eisige Luft aufgeheizt wird, wird sie mit Restwärme vorgewärmt.

Der Tross rollt los. Die Polizei voran. Die Polizisten fahren auf der linken Spur. Autofahrer, die denken sie kommen an dem fast dreieinhalb Meter breiten Transporter vorbei, wissen so gleich Bescheid: rechts ran fahren und warten. Die erste Kreuzung ist einfach zu meistern. Es sind noch Spuren einer Mittelinsel zu sehen, die noch bis vor ein paar Wochen dort stand.

Sie wurde aber auf Wunsch der Stadler Rail abgetragen. Für die Schwertransporter waren sie eine unnötige Einschränkung.

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Patrick fährt im vorderen Lastwagen. Die Kabine ist nicht nur Cockpit, sie ist auch Schlafzimmer und Küche. Vorne rechts auf der Ablage thront ein kleiner Kaffeekocher. Strom bezieht er über den Zigarettenanzünder. Er sieht aus, als werde er sehr häufig gebraucht, aber nicht nach jedem Gebrauch gewaschen. Hinter den Sitzen ist eine Schlafkoje, eine ordentlich gefaltete Decke liegt darauf.

Auf der Decke eine Tüte mit vorgeschnittenem Sauerteigbrot und eine fast leere Dose mit sauren Weingummis.

Von der Decke hängt ein ausgebleichtes Badetuch zum Trocknen. In einem Netz an der Rückwand stecken ein paar Kleider und Patrick der Seestern als Stofffigur. Eine kleinere Ausgabe der Puppe baumelt vorne am Rückspiegel. «Mein Namensvetter», sagt Patrick knapp. Sein Gesicht ist meist ernst. Aber diesmal lächelt er etwas.

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«Du bist zu hoch, lass mal runter.» Per Funk erhält Patrick ununterbrochen Anweisungen vom Begleitfahrzeug. Die Ladefläche ist zu hoch. Bevor sie unter der Unterführung beim Weinfelder Coop durchkriechen, muss sie runter. Patrick steigt flink aus, lässt die Tragfläche tiefer sinken und springt wieder in die Kabine. Sie beeilen sich, nicht weil sie es müssten, die Reise nach Lübeck dauert drei Tage. Es soll einfach vorwärts gehen.

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Auf der Kreuzung bei der Model AG wird es knifflig. Die Anweisungen vom Begleitfahrer kommen jetzt wie Schüsse aus einem Maschinengewehr. «Links, rechts, links, mehr links, links, stop!» Einfach Abbiegen kann der Laster nur, wenn es genügend Platz hat. Diese Kreuzung muss er wegen der vielen Sicherheitsinseln anders meistern. Er fährt erst einmal über die Kreuzung rüber. «Weiter kann ich nicht, da steht ein Toyota.

» Toyotas scheinen die Jungs nicht sonderlich zu mögen, es wird gespöttelt. Die Polizei winkt das Fahrzeug eilig weg. Dann setzt der Lastwagen rückwärts an. Damit er noch etwas einschlagen kann, benutzt er seinen Joker, die steuerbaren Hinterachsen. Die hinteren Räder lassen sich wie die Vorderachse schräg stellen und helfen dem Wagen, die Kurve zu kriegen. «Zurück, zurück, rechts, rechts, mehr rechts. zurück, stop!» Noch einmal bis zum Anschlag einlenken, langsam losrollen und die Kurve ist geschafft.

Der rechte Seitenspiegel gleitet um Haaresbreite an der Ampel vorbei. Das hätte beinahe einen Rückspiegel und ein Lichtsignal gekostet. Patrick verzieht keine Miene. Er hat alles im Griff. Das sei alles kalkuliert. Mit einem spitzbübischen Lächeln gibt er aber zu: «Eine Leitplanke habe ich schon mitgenommen… Auch mal einen Bordstein. Aber eine Ampel noch nie!»

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Wenn der Laster geradeaus fährt, sind die Fahrer entspannt. Fast so, als ob sie vergessen hätten, dass sie nicht in einem PKW sitzen und über 60 Tonnen schleppen. Sie reissen Witze per Funk. «Schau mal den grauen Toyota, das gleiche Modell hat mich gestern schon geärgert.» «Wollen wir ihn überfahren?»

Drei lange Tage werden die Jungs noch unterwegs sein. Nach Weinfelden ist die erste grosse Hürde aber geschafft. Jetzt können sie gelöst Richtung Autobahn – dem leuchtenden Sonnenuntergang entgegen.

Kreiselhilfe: Bewegliche Achsen ermöglichen es, die Kurve zu kriegen.

Kreiselhilfe: Bewegliche Achsen ermöglichen es, die Kurve zu kriegen.

Alles im Griff: Zahlreiche Spiegel helfen Patrick, die Übersicht zu wahren.

Alles im Griff: Zahlreiche Spiegel helfen Patrick, die Übersicht zu wahren.

Haarscharf: Manchmal reicht es nur ganz knapp über den Kreisel.

Haarscharf: Manchmal reicht es nur ganz knapp über den Kreisel.