Ein Coiffeur fürs Phönix

Turmspatz

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Mein Freund Amsel sitzt auf dem Dach des Pumpenhauses beim Hafen. Der Herbstwind pfeift durch die Takelage der Segelschiffe. «Na, Lust auf Kleinkunst?», frage ich und zeige abwärts, wo sich die Bühne des Phönix-Theaters befindet. Er zuckt bloss mit den Flügeln «Bei lokalen Kulturangeboten ist die Partizipation der Gesellschaft...» «Deutsch bitte», unterbricht er mich, «dein geschwollenes Geschwafel versteht keiner.» «Partizipation heisst Beteiligung. An der Jahresversammlung des Phönix-Trägervereins nahm nur ein Dutzend Mitglieder teil, das sind fünf Prozent.» «Und jetzt willst du eine Rechnungsstunde abhalten?» «Nein, ich informiere die Abwesenden, damit das Engagement des Vorstandes gewürdigt wird.» «Dann informier mal.»

Ich lasse mich nicht lange bitten und erzähle, was im letzten Theaterwinter alles geleistet wurde. «Rentiert das Phönix eigentlich?» «Kultur muss nicht rentieren», ereifere ich mich, «solange das zahlreich erscheinende Publikum Freude an den Veranstaltungen hat, solange macht das Theater Gewinn.» «Was heisst das in Zahlen?», fragt Herr Amsel. «Der Gewinn ist mehr auf der ideellen Ebene.» «Konkret!» Ich lege den Zeitungsartikel mit dem Bild der zwei Theaterverantwortlichen aufs Dach. «Nach 35 Vorstellungen gab es ein Minus von 225 Franken.» «Diesen läppischen Betrag sollten die Leute doch einsparen können.» «Wie stellst du dir das vor, du Klugschwätzer?» «Sie wechseln den Coiffeur.»

Herr Amsel zeigt auf die wallenden Haare der Phönix-Macher auf dem Bild. «Pro Behandlung mit Waschen, Färben und Föhnen legen die sicher 80 Franken hin. Viermal für beide kostet 640 Franken. Beim Balkancoiffeur kostet der Kurzhaarschnitt 25 Stutz. Bei gleichem Aufwand spart man minus dem Defizit 215 Franken. Das gibt doch glatt eine Extravorstellung des Barbiers von Sevilla.»