Ein Bach allein auf weiter Flur

17 Prozent der Thurgauer Bäche fliessen unterirdisch. Bauern sträuben sich wegen Landverlust und aufwendigerer Landbewirtschaftung, die Bäche offenzulegen. Doch einer hat es gemacht.

Silvan Meile
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Renaturiert: Nach fast hundert Jahren plätschert das Bächlein wieder oberirdisch. (Bild: Silvan Meile)

Renaturiert: Nach fast hundert Jahren plätschert das Bächlein wieder oberirdisch. (Bild: Silvan Meile)

Roland Heuberger schwimmt gegen den Strom. Der Bauer machte, was seine Berufskollegen mit Vehemenz bekämpfen. Heuberger hat auf seinem bewirtschafteten Land im Weiler Gabris bei Hosenruck einen Bach auf einer Länge von rund hundert Metern aus der unterirdischen Röhre befreit. Jetzt plätschert das Bächlein wieder oberirdisch.

Die Mechanisierung der Landwirtschaft machte das kleine Fliessgewässer vor bald hundert Jahren zum Störenfried im Landschaftsbild, deshalb wurde es eingedolt. Zu umständlich ist es für die Bauern, etwa bei Arbeiten mit dem Traktor auf den Bach Rücksicht zu nehmen. Zu wertvoll ist ihnen das Land, das an dieser Stelle nicht bewirtschaftet werden kann. Deshalb wehrt sich auch der Bauernverband gegen Renaturierungsprojekte. Doch Biobauer Heuberger sieht das anders. «Wer wirklich den Kulturlandverlust verhindern will, muss gegen die Verbauung kämpfen», sagt er. Dadurch gehe schliesslich in der Schweiz das meiste Land verloren, ein Quadratmeter pro Sekunde.

Die Natur gegen Schädlinge zu Hilfe nehmen

Im Bächlein sieht Heuberger einen Gewinn. «Es fördert die Biodiversität und zieht Leben an.» Das mache die Landwirtschaft stabiler, locke Insekten an, welche nützlich gegen Schädlinge sein können. Er müsse die Natur zu Hilfe nehmen, da er als Biobauer keine Chemiekeule einsetze. Und Heuberger profitiert durch die Bachöffnung auch finanziell. Die rund zwei Meter breiten extensiven Uferwiesen auf beiden Seiten des Bächleins bringen ihm für die Biodiversität zusätzliche Direktzahlung ein.

Bauern finden, er falle ihnen in den Rücken

50 000 Franken hat die relativ kleine Bachöffnung gekostet. 80 Prozent davon bezahlten Bund und Kanton. Die restlichen 10 000 Franken übernahm Pro Natura. «Das ist ein sehr gelungenes Projekt», freut sich Philip Taxböck von der Umweltorganisation. Und Heuberger lobt die Zusammenarbeit mit Pro Natura. Auch beim Kanton hält man die Daumen hoch. Dass ein Grundeigentümer von sich aus einen Bach offenlegen wolle, sei ein Glücksfall, sagt Marco Baumann, Leiter der Abteilung Wasserbau. Denn auch der Kanton verfolgt dieselbe Stossrichtung. In den nächsten 80 Jahren sollen 650 der rund 2000 Kilometer Thurgauer Fliessgewässer renaturiert und hochwassersicher gemacht werden. Auch Offenlegungen sind angedacht. 17 Prozent der Thurgauer Bach- und Flusskilometer befinden sich heute eingezwängt in Rohren unter Landwirtschaftsland oder Siedlungsgebieten.

Roland Heuberger findet nicht, dass nun alle eingedolten Bäche offengelegt werden sollten. «Wenn sich aber jeder Bauer ein wenig dafür begeistern könnte, täte dies unserem Landschaftsbild extrem gut.» Doch bei seinen Berufskollegen hat Heuberger vor allem Kritiker. Die Bauern finden, er falle ihnen im Kampf um den Erhalt des Kulturlandes in den Rücken. Und auch bei den Gemeinden stossen solche Projekte nicht nur auf Gegenliebe. Das zeigt sich in Heubergers Fall. Was die Pro Natura zahlte, hätte auch die Gemeinde übernehmen können, findet der Biobauer.