Ein Aufpreis für atomare Herkunft

Die Technischen Betriebe Kreuzlingen und noch viele andere Thurgauer Werkbetriebe kaufen Atomenergie-Zertifikate. Damit vermeiden sie, ihren Kunden Strom aus unbekannter Produktion verkaufen zu müssen. Ein Gemeinderat hat dafür kein Verständnis.

Urs Brüschweiler
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KREUZLINGEN. «Das ist ein Schildbürgerstreich», meint Daniel Moos. Der Kreuzlinger ist Fraktionschef der Freien Liste und engagierter Kämpfer für die Energiewende. «Kreuzlingen ohne Atomstrom» lautete der Titel einer Motion, welche er 2011 auf den Weg brachte. In der Antwort auf eine Folgeanfrage an den Stadtrat, entdeckte er nun eine Begebenheit, welche ihn erstaunt und enttäuscht. Die Technischen Betriebe Kreuzlingen (TBK) kaufen Atomstrom-Zertifikate. Und zwar um ihren Kunden mitteilen zu können, wo ihr Strom produziert wurde. «Die TBK veredeln ihren dreckigen Graustrom noch mit strahlenden Atomstrom-Zertifikaten. Hier wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben», meint Moos und fordert, dieses Vorgehen einzustellen.

Nur Graustrom vom EKT

Doch das Ganze hat seine Gründe. Seit letztem Jahr liefert das Elektrizitätswerk des Kantons Thurgau (EKT) den Endverteilern keine Herkunftsnachweise mehr. Bis dahin wusste man, dass etwa der «Axpo-Mix», das Standardprodukt, zu einem Viertel aus Wasserkraft und zu drei Vierteln aus Atomkraft bestand. Heute erhält der Endverteiler vom EKT nur noch Strom aus «nicht überprüfbaren Energieträgern», sogenannten Graustrom. Die lokalen Energieversorger müssen dann selbst entscheiden, ob sie das ihren Kunden undefiniert weiterverkaufen wollen. Wenn nicht, dann müssen sie Herkunftsnachweise beschaffen. Rund 90 Prozent der Kreuzlinger Haushalte beziehen ohnehin reinen Schweizer Wasserstrom. Als Folge der Motion von Daniel Moos ist dies seit 2013 Standard für Privatkunden in der Grenzstadt. Um diese Energie so deklarieren zu können, beschaffen sich die TBK entsprechende Zertifikate von ihren Lieferanten. Wer jedoch den etwas günstigeren Atomstrom möchte, kann dies aktiv verlangen. Für wenige Private und deutlich mehr Abnehmer aus der Industrie – diese agieren preisbewusster und beziehen nach wie vor mehr Atom- als Wasserkraftstrom – kaufen die Technischen Betriebe Kreuzlingen nun eben auch Herkunftsnachweise für Schweizer Atomstrom. Diese kosten nur einen Zwanzigstel von solchen für Strom aus Wasserkraft.

Preis erhöht sich nicht

Rund 3000 Franken bezahlen die TBK jährlich für diese Schweizer-Atomenergie-Zertifikate, 0,0055 Rappen pro Kilowattstunde. «Das erhöht den Preis für die Endkunden nicht. Das spielt nicht mal bei den Rundungsdifferenzen eine Rolle», erklärt Guido Gross, Direktor der TBK. «Wir machen das auch nicht, weil Kunden explizit nach Strom aus Atomkraftwerken verlangen würden», sagt Gross. Das komme praktisch nicht vor. «Wir machen das, weil wir Graustrom vermeiden wollen.»

Und das hat einen ökologischen Hintergrund. Graustrom kann auch aus Kohle- oder Gaskombikraftwerken stammen und würde den TBK die CO2-Bilanz verhageln. Kreuzlingen besitzt nämlich das Label Energiestadt. Laut Gross folge man damit auch der übergeordneten Zielsetzung der Swisspower und letztlich des Bundesrates.

Laut Daniel Moos könnte die städtische Grundversorgung von Privaten und Gewerbe für jährliche Mehrkosten von etwa 20 000 Franken komplett auf Wasserstrom umgestellt werden. Gross hält entgegen: Es gehe nicht, dass man den Kunden, die nach dem günstigeren Strom verlangten, auf Kosten der Allgemeinheit teurere Energie liefere.