Ein 15-Stunden-Tag vom Güggeli-Maa

FRAUENFELD. Siebzig Grad am Grill, dauerndes Putzen und lange Pausen zwischendurch – der Güggeli-Maa hat einen Knochenjob. Bajram Osmani liebt seine Arbeit aber trotzdem und verkauft, ob Hitze oder Kälte, gerne Poulets an seine Kunden. Aylin Erol (Text) Reto Martin (Fotos)

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Während ihr Mann mit Güggeligrillen beschäftigt ist, kümmert sich Julia Osmani um den Rest. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Während ihr Mann mit Güggeligrillen beschäftigt ist, kümmert sich Julia Osmani um den Rest. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Der Tag eines Güggeli-Maa beginnt früh und endet spät. Ein 15-Stunden-Tag, ohne sich dazwischen lange hinsetzen und entspannen zu können, ist dabei keine Seltenheit. Im Winter ist es im Güggeli-Wagen von Natura Güggeli zwar schön warm neben dem Grill, im Sommer können aber Temperaturen bis zu 70 Grad herrschen. Für Bajram Osmani gibt es dennoch keine bessere Arbeit. «Ich arbeite sehr gerne als Güggeli-Maa», sagt Osmani. Poulet isst er auch nach zehn Jahren Dienst als Grilleur bei der Frifag Märwil AG sehr gerne.

Früh am Morgen

Die Sonne ist noch nicht einmal aufgegangen, und aus dem Güggeli-Wagen, der vor dem Haus der Familie Osmani steht, hört man Schrubben. Die Bäckerei hat frische Brezeln und Büürli bereits um halb sechs vor die Haustür geliefert. Die Brötchen werden nach dem Putzen in den Wagen eingeräumt, dann macht sich Bajram Osmani auf den Weg zur Frifag Märwil AG. 23 Spiesse mit je sechs Poulets werden im Kühlschrank des Wagens verstaut, sonstige Esswaren und Getränke aufgefüllt, dann ein Kaffee mit den anderen Güggeli-Männern getrunken.

Langsam drehen sich die Poulets am Spiess, bis sie knusprig braun gebraten sind. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Langsam drehen sich die Poulets am Spiess, bis sie knusprig braun gebraten sind. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Um halb zehn ist Bajram Osmani an seinem Stammplatz, heute beim Schaffhauserkreisel in Frauenfeld. Die ersten Poulets liegen bereits auf dem Grill. «Sie müssen langsam garen», sagt der 48-Jährige.

Chips, Getränke, Saucen, Magenbrot – alles hat seinen Platz. Aus dem Lager holt Osmani Säcke, gefüllt mit Kartoffeln. «Diese schneidet meine Frau Julia jeden Abend. Für meinen Stammplatz in Frauenfeld brauche ich meistens bis zu vierzig Kilo», sagt er. Jeder Güggeli-Maa könne selbst entscheiden, ob er Kartoffeln anbieten wolle. Aber: «Wenn du einmal damit angefangen hast, gibt es kein Zurück mehr. Die Kunden verlassen sich darauf», sagt der gebürtige Kosovare. Er brät die ersten Kartoffeln und legt den nächsten Spiess auf den Grill, damit sie am Mittag bereit für den Verkauf sind. Im Wagen wird es langsam, aber sicher sehr warm. Zwei Grills und ein Gasherd sind in Betrieb.

Bajram Osmani ordnet seine Spiesse so an, dass sich die fertig gegarten Poulets zuunterst befinden. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Bajram Osmani ordnet seine Spiesse so an, dass sich die fertig gegarten Poulets zuunterst befinden. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Sauberkeit ist das Wichtigste

Osmani füllt ein Reinigungskontrollblatt der Frifag Märwil AG aus. «Die Kontrolle der Natura Güggeli findet einmal im Monat statt», sagt der 48-Jährige. Die Kontrolleure würden dabei nicht nur den Wagen und die Lebensmittel begutachten, sondern auch kontrollieren, ob der Grilleur gepflegt ist. «Sie sind strenger als die Lebensmittelinspektoren», meint Osmani. Er habe aber noch nie Probleme gehabt. In der Tat wäscht Osmani regelmässig seine Hände, fasst Brötchen nur mit einer Serviette an, wischt den Boden, sobald er wieder Zeit findet, und reinigt mehrmals am Tag das Besteck mit Alkohol aus einer Sprühflasche.

«Jedes Wochenende kommt zusätzlich ein Putzteam und reinigt den Wagen komplett», sagt Julia Osmani. Die Reinigung daure bis zu vier Stunden zu zweit, deshalb putzt das Ehepaar das Auto nicht mehr selbst. «Das ist einfach zu viel Arbeit für eine Woche», meint Julia Osmani.

Während ihr Mann mit Güggeligrillen beschäftigt ist, kümmert sich Julia Osmani um den Rest. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Während ihr Mann mit Güggeligrillen beschäftigt ist, kümmert sich Julia Osmani um den Rest. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Mittagsstress

Die ersten Kunden kommen um halb elf. Kurz darauf taucht Julia Osmani auf. «Ich helfe dienstags und donnerstags, weil dies unsere besten Stammplätze sind», sagt sie. Einer allein wäre nicht schnell genug. Fast neunzig Prozent aller Güggeli-Käufer wären Stammkunden.

Ab halb zwölf muss es schnell gehen. «Fünf halbe Poulets, zweimal Kartoffeln, drei Saucen, ein Magenbrot und zwei Brezeln», sagt ein Kunde. Mit einem freundlichen Lächeln begrüsst Julia Osmani die Kunden, nimmt das Geld entgegen und füllt Bratkartoffeln in Behälter, während ihr Mann eifrig die Güggeli von den Spiessen schneidet. Während der Arbeit stehen sie immer auf dem Holzboden des Wagens, der vom spritzenden Fett rutschig ist. Eine Stunde, zehn Spiesse und zwanzig Kilo Kartoffeln später kehrt Ruhe ein. Nur noch vereinzelte Kunden tauchen auf. Putzen steht an der Tagesordnung, damit am Abend mit sauberen Behältern und Besteck weitergearbeitet werden kann.

Lange Pausen

Um halb zwei macht das Ehepaar Mittag und bestellt eine Pizza. Bis der Kurier erscheint, bleiben sie im Wagen, putzen und verkaufen wenige Güggeli. Um zwei setzen sie sich hinter den Wagen auf zwei Stühle, die sie extra dabei haben. Ab und zu steht Bajram Osmani wieder auf und bedient einen Kunden. Eine entspannte Mittagspause ist das nicht. Da ab halb drei ohnehin kaum Kundschaft kommt, gehen Julia und Bajram Osmani in ein Restaurant auf der anderen Strassenseite, um sich einen Kaffee zu gönnen. Den Wagen abschliessen oder wenigstens die Lebensmittel auf der Theke zusammenräumen, das kommt Bajram Osmani gar nicht in den Sinn. «Die Schweiz ist sicher, und die Menschen sind ehrlich. Es hat noch nie jemand etwas geklaut», sagt der Grilleur.

Fast ein Familienbetrieb

Bajram Osmani lernte in der Schweiz Gipser. Bereits mit 35 Jahren merkte er jedoch, dass er mit dieser körperlichen Belastung nicht bis zur Rente durchhalten konnte. Da sein Bruder bereits als Güggeli-Maa bei Frifag arbeitete und sehr zufrieden war, wollte er es auch ausprobieren.

Heute arbeiten sowohl sein Bruder und Cousin als auch sein Sohn und Schwiegersohn als Grilleure bei der Natura Güggeli AG. «Fast unsere ganze Familie ist mit von der Partie», sagt der 48-Jährige. Er ist aber froh, dass er die Arbeit als Güggeli-Maa erst angefangen hat, als seine Kinder bereits etwas älter waren. «Als Grilleur hat man kaum ein Privatleben», meint Julia Osmani. Ihr macht die Arbeit mal mehr, mal weniger Spass. Positiv sei allerdings, dass alle Grilleure, und somit viele der Familie, montags und sonntags frei hätten.

Julia Osmani hilft nicht nur im Wagen. «Ich mache auch das Büro und bin sozusagen seine Angestellte», sagt sie. Zu Hause sei sie aber die Chefin. Der Grilleur nickt nur. «Die Kunden kommen auch lieber zu einem Wagen mit einer Frau an Bord», sagt er. Gerade Kundinnen würden sich dann wohler fühlen. Güggeli-Frauen gäbe es momentan nicht bei Natura Güggeli im Thurgau. «Die Spiesse sind mir viel zu schwer», sagt Julia Osmani. So ergehe es wahrscheinlich auch anderen Frauen.

Letzte Panik

Gegen sechs sind die Poulets bereit für die Abendkundschaft, und auch die Kartoffeln brutzeln. Um sieben steigt Panik auf, weil noch über drei Spiesse und sieben Kilo Kartoffeln vorhanden sind. Das Licht erleuchtet den Wagen, damit die Kunden auf der Strasse sofort sehen, wo es noch zu essen gibt. «Wenn wir um acht noch zu viele Poulets haben, arbeiten wir noch bis halb neun. Es soll nichts weggeworfen werden», sagt Bajram Osmani. Doch er muss sich heute keine Sorgen machen. In den Jahren hat er ein gutes Gespür für seine Stammplätze und Kunden entwickelt. Am Ende bleiben nur zwei Portionen Kartoffeln und drei Güggeli übrig, welche Osmani meist entweder an Freunde und Nachbarn verschenkt oder selbst noch isst. Insgesamt haben die Osmanis an diesem Tag 140 Güggeli und vierzig Kilo Kartoffeln verkauft.

Feierabend

Wieder heisst es putzen, bis alles glänzt. Zum Schluss sprüht Osmani Alkohol über die Geräte. Julia Osmani hilft mit, macht sich aber schon bald auf den Nachhauseweg zu den Kartoffeln, die darauf warten, gewaschen und geschnitten zu werden. Ein letzter Blick auf den Platz, dann löscht Bajram Osmani die Lichter, schliesst den Wagen und fährt nach Märwil, um die leeren Spiesse abzugeben. Danach heisst es endlich auch für ihn: Feierabend.

Jeden Donnerstag ab halb zwölf heisst es Anstehen am Frauenfelder Schauffhauserkreisel. (Bild: Reto Martin)

Jeden Donnerstag ab halb zwölf heisst es Anstehen am Frauenfelder Schauffhauserkreisel. (Bild: Reto Martin)