Easy Rider für Frauen

35 Frauen tuckern regelmässig gemeinsam auf ihren Harley-Davidsons durch die Ostschweiz. Auf ihren Maschinen empfinden die Ladies ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Eine Reportage von Daniela Ebinger (Text und Bild).

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Geballte Frauen- und Motoren-Power: Der Harley-Club startet zu einer Tour durch die Ostschweiz.

Geballte Frauen- und Motoren-Power: Der Harley-Club startet zu einer Tour durch die Ostschweiz.

Die Herbstsonne steht schon tief. Eine Maschine nach der andern tuckert dröhnend auf den Platz hinter dem Harley-Davidson-Geschäft der Gerold Vogel AG in Weinfelden. Von den heissen Stühlen steigen nicht Männer, sondern Frauen ab. Die Harley-Ladies treffen sich für eine Ausfahrt.

Es wird eine der letzten Ausfahrten in dieser Saison sein. Denn von Bäumen fallende Blätter, die landwirtschaftlichen Maschinen, die Erde verlieren, machen das Fahren nicht gerade zum Vergnügen. «Auch Nebel und nasse Strassen sind nicht unbedingt angenehm», sagt Ursi Bürgi. Sie fährt seit 16 Jahren Harley-Davidson. Das ist für sie eine wahre Leidenschaft.

35 Frauen im Club

Seit acht Jahren koordiniert Ursi Bürgi die Zusammenkünfte der Motorrad-Ladies. Die Frauen treffen sich einmal im Monat. Von Frühling bis Herbst starten sie ihre heissen Öfen, im Winter geniessen sie Kulturelles, Gesellschaftliches oder Kulinarisches. Die Damen kommen aus der ganzen Ostschweiz und dem Kanton Zürich. Rund 35 Harley-Fahrerinnen zwischen 40 und 65 Jahren gehören dem Club an. Dieser existiert seit 18 Jahren. Ursi Bürgi liess sich zu ihrem 40. Geburtstag ihre erste Harley schenken. Beim Harley fahren kann die Frau aus Zihlschlacht «so richtig entspannen». Sie empfindet ein Gefühl von Freiheit und freut sich am Dröhnen der Motoren und dem Erleben der Gemeinschaft. Die 55-Jährige liebt es, möglichst enge, wenig befahrene Passstrassen hinaufzufahren mit dem Ziel, in einem gemütlichen Bergbeizli mit Aussicht Rast machen zu können.

Doch allzu hoch hinauf ging es dieses Mal nicht. Die kurze Herbsttour organisierte Maja Lena Flückiger. Von Weinfelden ging die Fahrt in Richtung Kreuzlingen, Konstanz bis zur Fähre. Ennet der Grenze in Meersburg tuckerten die Ladies bei Sonnenuntergang durch das Städtchen, wo sie sich in einem Restaurant einen gemütlichen und geselligen Abend bei einem feinen Nachtessen gönnten.

Maja Lena Flückiger entdeckte die Harley-Leidenschaft durch ihren Mann vor rund acht Jahren. «Seither bin ich viel selbstbewusster», sagt die 55-Jährige. In ihr steigt ein wohliges Kribbeln hoch, sobald sie sich im Keller für eine Tour umzieht. «Der Adrenalinschub macht fast süchtig», sagt die Frau aus Andwil. Wenn sie dann die Sonne im Gesicht und den Wind in den Haaren mit dem wunderschönen Harley-Sound erlebt, ist die Welt für sie perfekt. Sofern das Wetter stimmt, fährt sie mehrmals in der Woche aus. Auch nur für kurze Stecken. Maja Lena Flückiger nahm schon zweimal am Swiss 500 Miles teil. Dabei legen die Teilnehmer in 24 Stunden 500 Meilen in der Schweiz zurück. Auch Belgrad und Montenegro bereiste sie mit ihrer Maschine.

Die griechische Küstenstrasse entlang zu fahren, das ist der Traum von Eleftheria Marscharek. «Diese faszinierte mich schon immer und wenn die Sonne über dem Meer untergeht, kann es nur noch mit einer Harley und dem Wind in den Ohren perfekter sein», sagt die Halbgriechin und deutet auf ihren Namen Eleftheria hin, der übersetzt Freiheit bedeutet. So fühlt sie sich auf der Maschine. Sie ist das sogenannte Töff-Küken bei den Harley-Ladies und absolvierte ihre Prüfung vor sechs Monaten. «Eine Harley selber zu fahren ist seit über 20 Jahren ein Traum von mir», sagt die 48-Jährige aus Balgach. Bis anhin fehlten ihr aber die Zeit und das nötige Kleingeld dafür.

Das gemeinsame Hobby

Susanne Vogt fährt seit über zehn Jahren Harley Davidson. Ihr Freund erstellte vor vielen Jahren eine im Eigenbau. Anstatt sich hinten drauf zu setzen, absolvierte sie selbst die Motorradprüfung. «Das Töfffahren wurde zum gemeinsamen Hobby», sagt die Frau aus Oberbüren. Mittlerweile fährt sie mehr mit der Frauengruppe mit als mit ihrem Mann. Sie tourte mit den Winevally Chaper aus Weinfelden durch die Dolomiten und legte dabei 1400 Kilometer zurück. Gerne erinnert sie sich auch an die vierzehntägige Tour auf Sardinien.

Für Doris Härtsch ist das Harley fahren in wenigen Worten zusammengefasst: «Wild und frei wie ein Fluss.» Für die Frau aus Wil sind die USA der ideale Ort, um dieses Gefühl mit ihrem Feuerstuhl total ausleben zu können. Die Schweiz sei dafür zu klein.

Um lange Strecken voll und ganz geniessen zu können, kaufte sich Esther Nikolussi einen Roadking. «Dieser ist speziell für Touren geeignet und hat nebst allerlei anderem eine Griffheizung und ein eingebautes Navi», sagt die Frau aus Gossau, die schon viele lange Touren hinter sich hat. Dazu gehört das Nordkap. Um dorthin zu gelangen, legte sie vor fünf Jahren über 10 500 Kilometer zurück. «Die Strecke in Norwegen entlang den Fjorden war ganz speziell.» Vor vier Jahren reiste sie mit einer internationalen Gruppe in Marokko durch die Königsstätten. Dabei war sie von den 20 europäischen Teilnehmern mit Elvira Sutter die einzige Frau. Sie entdeckte die Tour im Internet und buchte spontan. «Es tönte alles so traumhaft und so war es auch», sagt die 60jährige Lehrerin. Beim Harley fahren kann sie vom Alltag abschalten. «Ich geniesse das Reisen mit dem Töff von Ort zu Ort», sagt die Frau, die ihren Ehemann für ihr Hobby überzeugen konnte.

Gemeinderätin mit Harley

Auf den 50. Geburtstag erfüllte sich Karin Waltenspühl vor fünf Jahren einen Traum. Sie legt mit ihrer Maschine im Jahr zwischen 10 000 und 16 000 Kilometer zurück. «Ich reise gerne mit ihr und daher muss sie besonders bequem und gut beladbar sein», sagt die Frau aus Mohren bei Reute im Appenzellerland. Das Töfffahren sei ihr in die Wiege gelegt worden. Ihr Vater sowie ihre beiden Geschwister fahren Töff. Für sie ist das Fahren mit der Harley Kult. «Es ist fast eine Sucht», sagt die Frau, die seit diesem Frühling im Gemeinderat sitzt. Mit den Harley-Ladies erlebt sie viele gemeinsame schöne Stunden. Dabei empfindet sie auch eine gewisse Portion Stolz, als Frau eine solche Maschine fahren zu können. Sie nimmt deshalb gerne den Weg vom Appenzellerland in den Thurgau in Kauf.

Ein schöner Spätsommertag: Ideal für eine Ausfahrt.

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Glänzen in der Sonne: Die Motoren der Harleys.

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