Durch Rauch musste er rollen

ERLEN. Gestern lieferte die Firma Stadler den hundertsten Gelenktriebwagen an die Regionalbahn Thurbo aus. Der Kauf der Gelenktriebwagen, die sich im Grossen und Ganzen bewährten, machte bei anderen Bahnen Schule.

Martin Knoepfel
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Mit Feuerwerk wurde der hundertste Gelenktriebwagen in der Inbetriebsetzungshalle Erlen dem Besteller Thurbo übergeben. (Bild: Reto Martin)

Mit Feuerwerk wurde der hundertste Gelenktriebwagen in der Inbetriebsetzungshalle Erlen dem Besteller Thurbo übergeben. (Bild: Reto Martin)

Die «Gessler-Zwillinge» geben die Hebammen, mit Hütchen mit dem Rotkreuz-Zeichen. Feuerwerk-Vulkane sprühen Funken und speien Rauch. Langsam schiebt sich die stromlinienförmige Front eines Gelenktriebwagens ins Blickfeld der Gäste. Durch ein geöffnetes Tor dringt ein Schwall kalter Februarluft in den Raum.

Gestern Mittag feierte der Hersteller Stadler Bussnang die Auslieferung des hundertsten Gelenktriebwagens an den Besteller, die Regionalbahn Thurbo, in Anwesenheit von Vertretern von Thurbo und der Kantone St. Gallen und Thurgau.

Erste Eigenentwicklung

Peter Spuhler, Inhaber der Stadler Rail, erinnerte daran, dass die damalige Mittelthurgaubahn 1996 erste diesel-elektrische Gelenktriebwagen für die Linie Radolfzell-Stockach bestellt hatte. 1998 folgten zehn elektrische Triebwagen für die Seelinie. Die Gelenktriebwagen seien das erste Fahrzeug gewesen, das die Stadler selber entwickelte, sagte Spuhler.

2002/2003 habe Stadler dann 29 Triebwagen an die griechischen Staatsbahnen liefern können, im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Athen 2004. Zwei Jahre seines Lebens habe ihn dieser Auftrag gekostet, sagte Spuhler. Weltweit sind gemäss Spuhler 562 Gelenktriebwagen im Einsatz.

Abgeltung wuchs weniger

Im ersten vollen Betriebsjahr habe Thurbo 21 Mio. Passagiere befördert. 2012 waren es 32 Mio. Fahrgäste. Die Abgeltung von Bund, Kantonen und Gemeinden sei in dieser Zeit weniger stark, von 65 auf 76 Mio. Franken, gestiegen. Darauf sei er mindestens so stolz wie auf den hundertsten Gelenktriebwagen, sagte Ernst Boos, Geschäftsführer der Thurbo. Die Gelenktriebwagen seien bei den Kunden beliebt. Thurbo halte auch die zehn Triebwagen der ersten Generation in Ehren, obwohl sie offenbar manchmal technische Probleme bereiten.

Der St. Galler Baudirektor Willi Haag sprach von einem Meilenstein für den gesamten öffentlichen Verkehr in der Ostschweiz. Der Kunde sei König – und der König sei anspruchsvoller geworden. Das Rollmaterial sei eine der Visitenkarten des Öffentlichen Verkehrs. Haag wies darauf hin, dass nach Thurbo auch andere Bahnunternehmen neue Fahrzeuge beschafften. Zudem seien die Gelenktriebwagen behindertengerecht. Das sei dem Kanton St. Gallen wichtig. Mit der neuen S-Bahn hätten drei von vier Bahnhöfen im Kanton St. Gallen erhöhte Perrons, zehn Jahre vor Ablauf der gesetzlichen Frist.

Konsolidierung angesagt

Ist ein weiterer Ausbau des Öffentlichen Verkehrs in St. Gallen angesichts der Sparzwänge überhaupt realistisch? Die S-Bahn St. Gallen bringe 30 Prozent mehr öffentlichen Verkehr. Es müsse sich zeigen, ob das Bedürfnis dafür vorhanden sei. Der Kanton stehe zum Volksentscheid vom September 2010, sagte Haag. Es gebe aber einen Perimeter. Bei Vorstössen aus Regionen ausserhalb des Perimeters, die gerne Verbesserungen hätten, werde die Latte künftig höher liegen. Der Kanton werde bei Ausbauwünschen nicht einfach Nein sagen, aber es sei nicht möglich, alles sofort zu realisieren.