Durch das Schwäbische Meer

In der TZ von 1917

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Es gab eine Zeit, in der man das Durchqueren des 12 bis 18 Kilometer breiten Schwäbischen Meeres in der Gondel vom schweizerischen zum deutschen Ufer oder umgekehrt für ein sehr gefährliches Wagnis hielt. Heute und besonders seit Kriegsausbruch kommen die Querfahrten aber immer mehr in Mode. Allerdings ist es meistens der Drang nach Freiheit, der die Mutigen zur Ausführung der Überfahrten in schwachem Weidling anregt.

Vor allem sind es die in Bayern und Württemberg in Gefangenschaft lebenden russischen Krieger, welche diese durchaus nicht ungefährlichen Bootsfahrten über den Bodensee wagen und glücklich ausführen, trotz der scharfen Überwachung des Sees durch die deutschen Militärkontrollboote. Letzte Woche ist nun eine solche Fahrt in umgekehrter Richtung, Schweiz–Württemberg ausgeführt worden, die aber mit der Gefangennahme des Flüchtlings durch ein deutsches Wachboot endete. Letzte Woche wurde dem Fischermeister Ott in Romanshorn während der Nacht eine kostbare Gondel entführt, ohne dass es gelungen wäre, dem Diebstahl auf die Spur zu kommen.

Nach mehreren Tagen endlich kam dann von Friedrichshafen die Nachricht, es sei dort nachts ein junger Mann mit einer Gondel aus Romanshorn aufgegriffen worden. Wie die Untersuchung ergab, war der Verhaftete ein Handelskommis aus Rorschach, der dort nach Verübung von Veruntreuungen das Weite gesucht und von Romanshorn aus in finsterer Mitternacht die Flucht über den See unternommen hatte. Als deutscher Staatsangehöriger in militärischem Alter wurde er unverzüglich zum Heerdienst eingezogen.