Du bist, was du fährst

Mosttröpfli

Christian Kamm
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Jetzt habe ich den Beweis: Ich bin mein Auto. Und mein Auto fährt stellvertretend für mich. Wechselt mein Auto, dann wechsle ich gleich mit. Ich bin dann zwar immer noch ich, werde aber anders wahrgenommen.

Normalerweise gelte ich als gewöhnlicher Autofahrer, der allerdings, und unabhängig von der Geschwindigkeit, regelmässig von Luxuslimousinen vornehmlich deutscher Bauart überholt wird. Damit lernt man leben. Ansonsten lässt man mich, verkehrstechnisch gesehen, eigentlich in Ruhe. Fahren und fahren lassen.

Doch seit Kurzem ist alles anders. Mein übliches Gefährt befindet sich seit Tagen in der Reparatur, weil ich in der Tiefgarage... aber nein, lassen wir das. Ich musste vorübergehend umsatteln, das sollte als Information genügen. Und jetzt bin ich mit unserem familieneigenen Ersatzwagen unterwegs. Der feiert am kommenden 1. Mai seinen 26. Geburtstag. Noch vier Jahre, dann ist er offiziell ein Oldtimer.

Ich allerdings bin das offenkundig jetzt schon. Denn seit ich mit diesem angegrauten Auto auf der Piste bin, werde ich autofahrerisch nicht mehr ernst genommen. Ein bitteres Los, lassen Sie sich das sagen! Noch nie zuvor wurde mir so oft der Vortritt abgeschnitten wie jetzt. Im Kreisel denkt jeder: Vor diesem Oldie husche ich noch schnell hinein. Dabei schnurrt mein gut gelagertes Gefährt wie eine zufriedene Katze. Anschieben musste ich es auch noch nie. Bremsen, Motor, alles tadellos. Interessiert niemanden. Alle glauben: Alt gleich altersschwach gleich langsam. Und fahren mir frech vor die Nase.

Schon klar, was Sie jetzt unbedingt wissen wollen. Sie wollen wissen, was denn das für ein Auto ist, das als vielversprechender Beinahe-Oldtimer durch die Thurgauer Strassen cruist. Leider nein. Marke, Typ, verrate ich nicht. Sonst werden auch Sie mir womöglich noch den Vortritt klauen. Die Farbe ist übrigens rot.

Christian Kamm

christian.kamm@thurgauerzeitung.ch