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Drei Thurgauer regieren die Schweiz

Vor 100 Jahren starb Walter Bissegger, Anführer der Linksliberalen und einer der profiliertesten Politiker aus dem Thurgau im frühen 20. Jahrhundert. Zusammen mit den zwei andern Thurgauern Adolf Deucher und Ludwig Forrer dominierte er die Schweizer Politik.
Matthias Kunz*
Walter Bissegger wuchs in der ehemaligen Armenschule Bernrain oberhalb von Kreuzlingen auf. (Bild: Nana do Carmo)

Walter Bissegger wuchs in der ehemaligen Armenschule Bernrain oberhalb von Kreuzlingen auf. (Bild: Nana do Carmo)

KREUZLINGEN. 1853 in Bernrain nahe Kreuzlingen geboren, lernt Walter Bissegger das Leben eher von seiner rauhen Seite her kennen. Sein Vater Johannes Bissegger leitet eine landwirtschaftliche «Armenschule» für Jugendliche. Das sozial engagierte Elternhaus ebenso wie dessen reformpädagogische Haltung hinterlassen bei Walter Bissegger Spuren.

Bildungseifer, Gerechtigkeitssinn und einen beherzten republikanischen Patriotismus nimmt der junge Thurgauer mit auf seinen Lebensweg, der ihn zwischen 1885 und 1915 in die politisch einflussreichsten Positionen der damaligen Schweiz führen sollte. Nach einem geisteswissenschaftlichen Studium arbeitet Bissegger 1883 bis 1885 als Auslandkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), um bereits nach zwei Jahren die redaktionelle Leitung des freisinnigen Flaggschiffs zu übernehmen. Nicht nur die NZZ, auch die Schweiz blüht unter freisinnig-liberaler Führung in der Belle Epoque (1885 bis 1914) auf. Angeschoben von einem kräftigen Wirtschaftswachstum, macht sich ein ungetrübter Machbarkeits- und Fortschrittsglaube breit. Politisch klingt in der Schweiz der Jahrhundertwende der Kulturkampf mit den Katholisch-Konservativen (heute CVP) an, währenddem die Arbeitskonflikte und Streiks der Arbeiter rasant zunehmen und damit der Radikalisierung der Sozialdemokraten Auftrieb geben. Die Lösung der sogenannten sozialen Frage und die (macht-)politischen Aspirationen einer erstarkenden Arbeiterbewegung stellen den liberalen Bundesstaat am Vorabend des Ersten Weltkriegs auf den Prüfstand – und Bissegger vor seine grösste Herausforderung.

Dominantes Ostschweizer Trio

Bisseggers Leidenschaft und Stärke für das geschriebene und gesprochene Wort führen ihn rasch in die Schaltzentralen der damaligen Publizistik und Politik. Als NZZ-Chefredaktor, Fraktions- und Parteichef der Liberalen (1907 bis 1911) prägt er massgeblich den innen-, vor allem aber den sozialpolitischen Diskurs. Innerhalb der locker organisierten freisinnigen Grossfamilie kann sich Walter Bissegger auf mächtige Verbündete stützen. Zusammen mit dem Thurgauer Bundesrat Adolf Deucher, der 1912 im Alter von 81 Jahren im Amt verstirbt, und dem Winterthurer Magistraten Ludwig Forrer, auch er ein gebürtiger Thurgauer, bildet er ein eindrückliches und dominantes Dreiergespann in fast allen sozialpolitischen Themen. Nicht selten werden Stimmen des Unmuts darüber laut, dass diese Ostschweizer Meinungsführer die helvetische Innenpolitik ins Schlepptau genommen haben.

Bissegger stellt seine Visionen in der berühmt gewordenen «Basler Rede» von 1910 vor: In Anlehnung an den Bismarckschen «Staatssozialismus» erachtet er eine Aussöhnung der Klassengegensätze über den Ausbau einer starken und nachhaltigen Sozialgesetzgebung als vordringlich. Integration durch Sozialpolitik – so einfach lautet die Botschaft. Die etatistisch-linksfreisinnige Terminologie lässt jedoch jene rechtsbürgerlichen Politiker erschaudern, die eine Verständigung mit der Linken entweder für unnötig oder für unmöglich erachten. 1912 kann endlich unter linksfreisinniger Ägide die erste grosse, staatliche Sozialversicherung – die Kranken und Unfallversicherung (KUVG) – erfolgreich durch einen Referendumskampf geführt werden. Das revidierte Fabrikgesetz von 1914 wird von den Räten nach jahrelangen zähen Debatten verabschiedet, doch infolge des Weltkrieges nicht in Kraft gesetzt. Mit enttäuschten Erwartungen und verhärteten Positionen hüben und drüben schlackert die Schweiz in die Bewährungsprobe der Kriegsjahre.

Verworfen und vergessen

Polemik war Bissegger ein Greuel, Mässigung und Sachlichkeit hingegen die Basis für verständigungsorientiertes Handeln, um politische und soziale Gegensätze zu überbrücken. Es sollte indes nicht mehr so weit kommen. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1915 stirbt Bissegger nach schwerer Krankheit. Seine Befürchtung, dass sich die sozialen und politischen Gegensätze zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft allzu drastisch verschärfen könnten, wird bittere Realität. Der Generalstreiks 1918 im Ausgang des «Weltenbrands» stürzt den schweizerischen Bundesstaat in die heftigste und tiefste Krise seiner Geschichte.

Das sich wuchtig anbahnende Zeitalter der Extreme und Katastrophen machte Bissegger schnell vergessen, den ein Freund wie folgt charakterisierte: als «Mann mit dem feinen, geistreichen Gesicht, der durch die liebenswürdigen Umgangsformen und den herzlichen Verkehrston jedermann sofort für sich einnehmen musste». Die Verwerfungen der Geschichte förderten Persönlichkeiten ins Rampenlicht wie den grobschlächtigen Armeegeneral Ulrich Wille, der die Unwägbarkeiten der Zeit mit mannhafter Zucht und Ordnung – wenn nötig mit Repression – bewältigen wollte. Oder Bisseggers Kontrahenten zur Linken, Robert Grimm, Anführer des Generalstreiks, der sich an der Spitze einer historisch unaufhaltbaren Bewegung wähnte, die den Fortschritt durch eine Verschärfung des Macht- und Klassenkampfs erzwingen kann.

Die Zeit für die Verständigungspolitiker war abgelaufen, und Walter Bisseggers Vermächtnis blieb selbst in den eigenen Reihen ohne Resonanz. Erst viele Jahre später, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, fand sich in der überparteilichen «Richtlinienbewegung» ein ferner Widerhall auf jenes sozialliberale Gedankengut, das schliesslich den Weg in Richtung Konkordanzdemokratie ebnete.

*Matthias Kunz ist Verfasser einer Dissertation über Integrationsprobleme des freisinnigen Bundesstaats vor dem Ersten Weltkrieg (Zürich, 2000).

Walter Bissegger NZZ-Chefredaktor und Politiker (Bild: Verlag Neue Zürcher Zeitung)

Walter Bissegger NZZ-Chefredaktor und Politiker (Bild: Verlag Neue Zürcher Zeitung)

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