Drachen bleiben an der kurzen Leine

BERLINGEN. Bundes- und Ständerat wollen das Kitesurfen jetzt auch in der Schweiz erlauben. Deshalb hoffen nun auch die Thurgauer Kitesurfer auf mehr Vogelfreiheit, doch der Kanton nimmt ihnen erstmals den Wind aus den Segeln.

Marc Engelhard
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Ein einsamer Kitesurfer vor der Reichenau: Vor Berlingen und vor Münsterlingen ist das Drachensurfen auf der Schweizer Seite erlaubt. (Bild: Reto Martin)

Ein einsamer Kitesurfer vor der Reichenau: Vor Berlingen und vor Münsterlingen ist das Drachensurfen auf der Schweizer Seite erlaubt. (Bild: Reto Martin)

Plötzlich hat der Wind gedreht für die Kitesurfer in der Schweiz, und das freut den Berlinger Reto Studerus. Der Ständerat hat eine Motion gutgeheissen, die das Kitesurfen auf Schweizer Gewässern generell erlauben will. Auch der Bundesrat setzt sich dafür ein. Studerus ist Drachensegler und verkauft mit seiner Frau seit 23 Jahren auch Kitesurfing-Artikel in seinem Geschäft in Berlingen. Zum Entscheid des Ständerats und der Motion sagt Studerus: «Es ist ein Meilenstein für den Kitesport.»

Noch ist Kitesurfen in der Schweiz allgemein nicht erlaubt. Es ist den Kantonen aber freigestellt, Sonderzonen zu schaffen. Im Thurgau gibt es zwei, und so dürfen Kitesurfer in Berlingen und in Münsterlingen auf dem Bodensee die Drachen steigen lassen. Reto Studerus hofft nun: «Es wäre super, wenn noch mehr Zonen dazukommen würden.»

Bis Bregenz surfen

Das sieht auch der Bottighofer Tom Rüegge so. «Toll wäre, wenn wir bei Westwind einmal von Kreuzlingen bis nach Bregenz kiten oder mit unseren Kites an Segelregatten teilnehmen dürften.» Der frühere Olympiasegler ist leidenschaftlicher Kitesurfer. Grundsätzlich sei es gut, zwei Zonen auf der Schweizer Seeseite zu habe, sagt Rüegge. Allerdings seien beide Zonen nur geeignet, wenn der Wind aus einer gewissen Richtung blase. Hinzu käme, dass die Kitesurfer insbesondere bei hohem Wasserstand sehr wenig Platz hätten, um ihr Material am Ufer des Sees aufzubauen.

Gleichzeitig kontert Tom Rüegge die Kritik, dass die Kitesurfer den anderen Seebenutzern den Platz wegnehmen würden: «Da wir Kitesurfer erst bei moderatem und starkem Wind auf den See gehen, ist das häufig genannte Argument von Platzproblemen überhaupt kein Thema.»

Markus Bürgisser, Geschäftsführer von Pro Natura im Thurgau, hat einen anderen Einwand: «Der Bodensee ist ein bedeutungsvolles Wasservogel-Gebiet, in dem im Winter Zehntausende von Wasservögel überwintern.» Die Drachen der Kitesurfer könnten die Vögel aufscheuchen, so dass sie Energie verbrauchten, die ihnen dann im Winter fehle. Das wäre fatal für die Tiere.

Deshalb gibt es zurzeit eine Untersuchung, welche die Vogelwarte Sempach im Auftrag des Kantons Thurgau durchführt. Die Untersuchung soll zeigen, in welchen Gebieten das Kitesurfen die Vögel zu sehr stresst. Aufgrund der Ergebnisse solle der Kanton dann bestimmen, wo Kitesurfen erlaubt sein soll, meint Markus Bürgisser. Denn er ist nicht grundsätzlich gegen das Drachensegeln: «Dass es auf dem Bodensee Kitesurf-Zonen gibt, ist richtig und sinnvoll.»

Regelung läuft Ende Jahr aus

Die Ergebnisse der Untersuchung stehen noch aus. Danach werde der Kanton die einzelnen Interessengruppen anhören und entscheiden, sagt Stephan Felber, der Thurgauer Generalsekretär des Departements für Justiz und Sicherheit. Die momentane Regelung mit den zwei Sonderzonen läuft Ende Jahr aus.

Den Kitesurfern, die ihre Hoffnung auf die Motion im National- und Ständerat setzen, muss Felber den Wind aus den Segeln nehmen: «Die Motion hat keine direkte Auswirkung auf den Bodensee.» Denn das internationale Gewässer wird nicht über die Verordnung zum Binnenschifffahrtsgesetz geregelt, sondern durch einen Staatsvertrag zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Chance bleibt bestehen

Bis heute sind Stephan Felber noch keine Klagen über Kitesurfer am Bodensee auf den Tisch gekommen. Er schliesst auch nicht aus, dass die Motion vielleicht den Anlass dazu gibt, dass die drei Staaten auch die Bestimmungen für den Bodensee diskutieren. Die Chance für die Kitesurfer, irgendwann frei über den Bodensee zu segeln, bleibt also bestehen.