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Dozwil: Aggression und Kämpfe

Am Muttertag vor genau 25 Jahren kam es in Dozwil vor der Kirche der St. Michaelsvereinigung zur Strassenschlacht. Wir blicken zurück mit bislang unveröffentlichten Fotos und dem TZ-Bericht von damals. Fotos von Helio Hickl.
Rauchpetarden fliegen durch die Luft: Am Wochenende des Muttertags 1988 kommt es in Dozwil zu Strassenschlachten.

Rauchpetarden fliegen durch die Luft: Am Wochenende des Muttertags 1988 kommt es in Dozwil zu Strassenschlachten.

«Die angekündigten himmlischen Ereignisse von Dozwil sind ausgeblieben. Dafür ist es am Wochenende vor den Gebäuden der St. Michaelsvereinigung zu Ausschreitungen gekommen. Leichtverletzte – darunter ein Reporter –, demolierte Fensterscheiben, zerstörte Blumenbeete und beschädigte Fahrzeuge sind das Fazit der falschen Prophezeiungen. Vier Sektengegner sind von der Polizei festgenommen und die restlichen mit Tränengas und Gummigeschossen vertrieben worden. Am späten Abend wurde ganz Dozwil abgeriegelt.

Die Anhänger des selbsternannten Apostels Paulus hatten die Entrückung der Kinder auf die Nacht von Samstag auf Sonntag vorausgesagt. Die Sektenmitglieder, welche zu einem grossen Teil aus der Bundesrepublik Deutschland kommen, verhielten sich zwar provokativ, aber dennoch eher ruhig.

Wegen Raumschiff geöffnet

Die meisten Dozwiler scheinen sich an die – sich bis vor kurzem noch ruhig verhaltende – Sekte gewöhnt zu haben. Nun aber verwandelte sich das verschlafene Oberthurgauer Dörfchen, auch reisserischer Presseberichte wegen, innert Tagen zu einer grossen Chilbi.

So war gestern im Restaurant Brückenwaage noch ein Schild zu lesen mit der Aufschrift: «Wegen Raumschifflandung sonntags geöffnet». Andere errichteten einen Würstlistand und verkauften Getränke. Tausende von Schaulustigen, Sektenanhängern und Rockern aus der ganzen Schweiz schienen die kribbelige Open-Air-Stimmung zu geniessen.

Vom Volk gestürmt

Am Samstagnachmittag verhielt sich die Uttwiler Polizei sehr zurückhaltend, während ein eigenes Corps von Sektenanhängern mit seiner provokativen Abwehrhaltung versuchte zu verhindern, dass seine Kirche vom aufgebrachten Volk gestürmt wurde. Während des späteren Nachmittags wurden Hunderte von Gläubigen – von sekteneigenen Leibwächtern begleitet – in die Kirche eingelassen. Während die einen ihr Köfferchen gleich mitbrachten, begleiteten andere ihre Kinder zum «Ort ihrer Entrückung». Somit wurde Dozwil für zwei Tage zum Wallfahrtsort und zugleich zum Ort der Lästerung und der geballten Aggressivität. Die gefürchtete Rockergruppe Hell's Angels hatte ebenfalls ihre Ankunft angekündigt, verbunden mit der Drohung, das Kreuz an der Kirchenfassade niederzureissen und durch das eigene zu ersetzen. Allerdings trafen dann nur vereinzelte Rocker ein.

Wächter hielten Posten

Diejenigen, die noch am Samstag auf irgendwelche grossartigen Zeichen vom Himmel gewartet hatten und nur lästigen Maikäfern begegnet waren, liessen sich auch am Sonntag wieder blicken. Einige Wächter der Kuhn-Sekte hielten ihren Posten, und frustrierte Schaulustige machten sich mit billigen Witzen über den «Paulus, der zum Saulus wurde», lustig. Am Sonntagabend eskalierte die Situation: Nachdem Randalierer Autos umgekippt und Steine gegen den Sektentempel geworfen hatten, ging die Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Menge vor und sperrte das Gelände ab.»

*

Die «reisserischen Presseberichte» gingen auf das Konto des «Blicks», der dem angekündigten Weltuntergang zahlreiche Artikel widmete. «Am Muttertag holt das grosse Raumschiff alle Kinder», titelte das Blatt und bezeichnete Dozwil als «Sekten-Dorf». Reaktion waren wütende Leserbriefe: «Solche Sektenbrüder gehören hinter Gitter!» Wie sehr das Boulevardblatt die Stimmung anheizte, zeigen weitere Titel: «Stoppt diesen Sekten-Wahn!» – «Kinder in Todesangst» – «Glaubenskrieg spaltet Thurgauer Bauerndörfer» – «Sektenanhänger sind schon im Gemeinderat». Der verantwortliche Reporter nahm selbst an den Krawallen teil und wurde als «Anstifter, Mittäter und Arrangeur» gerichtlich verurteilt. (mak)

Viele Schaulustige warten bei der Kirche der St. Michaelsvereinigung.

Viele Schaulustige warten bei der Kirche der St. Michaelsvereinigung.

Friedlicher Auftakt: Anfangs herrschte beinahe Open-Air-Stimmung.

Friedlicher Auftakt: Anfangs herrschte beinahe Open-Air-Stimmung.

Randalierer demolieren Autos und machen Feuer auf der Strasse.

Randalierer demolieren Autos und machen Feuer auf der Strasse.

Die Strassen waren an diesem Wochenende voll mit Menschen.

Die Strassen waren an diesem Wochenende voll mit Menschen.

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