Diskrete Erinnerungen

STETTFURT. Ende August vor hundert Jahren verstarb der aus Stettfurt stammende Bundesrichter Jakob Huldreich Bachmann. Dessen Nachkommen schenkten dem Kanton das Schloss Frauenfeld.

Markus Schär
Drucken
Teilen
Eine Tafel vor dem Schloss erinnert an die Schenkung der Familie Bachmann. (Archivbild: Susann Basler)

Eine Tafel vor dem Schloss erinnert an die Schenkung der Familie Bachmann. (Archivbild: Susann Basler)

Die Morgensonne wirft an diesem sommerlichen Sonntagmorgen im August ihre Wärme noch verhalten auf die Steinplatten an der östlichen Kirchenwand im Stettfurter Friedhof. Feine, vom Zahn der Zeit etwas mitgenommene, eingravierte Namen ziehen den Besucher zu sich. Der aber hat sogleich in der Kirche einen Auftrag wahrzunehmen. Das beginnende Glockengeläut und die einsetzende Orgel mahnen ihn, vorerst nicht bei den Personalien an der Wand zu verweilen. Die Platte erinnert an einen der grossen Söhne des Dorfes, der am Fusse des Sonnenbergs aufwuchs, lebte und verstarb.

Der junge, tatenhungrige Mann aus Stettfurt zog aus, Jurisprudenz zu studieren, erreichte schliesslich als eidgenössischer Parlamentarier und als Bundesrichter die höchsten Stufen, die das Land zu vergeben hat: Jakob Huldreich Bachmann, geboren am 21. November 1843 in Stettfurt, verstorben ebenda am 26. August 1915.

Richter und Politiker

Die Familie Bachmann ist eine bedeutende Familie von Stettfurt und Thundorf, die sich als Wein-und Leinwandhändler, Wirte, Landwirte und Bankiers ein grosses Vermögen erwirbt.

Jakob Huldreich studiert in Zürich und an ausländischen Hochschulen Philosophie sowie die Rechte, promoviert und erlangt 1869 das thurgauische Anwaltspatent. Er wird Bezirks- und Oberrichter, ist Mitglied des kantonalen Kriegsgerichtes und Grossrichter der 7. Division.

Politisch wirkt er während über zwanzig Jahren im Grossen Rat. Als Bezirksgerichtspräsident von Frauenfeld wird Bachmann im Jahre 1881 mit starker Mehrheit in den Nationalrat gewählt, trotzdem ihm vier Konkurrenten gegenüber stehen. In der Bundesversammlung tut er sich namentlich bei der Beratung des Betreibungs- und Konkursgesetzes hervor. Im Jahre 1895 wird er Präsident des Nationalrates. Vom Präsidentenstuhl weg wählt ihn die Bundesversammlung in das Bundesgericht, dem er von 1896 bis 1904 angehört. Doktor Bachmann ist eine Zeitlang auch Präsident des Verwaltungsrates der Nordostbahn. Er ist sich auch in hohen Ehren nicht zu gut, um daheim der Kirche zu dienen, von 1870 bis 1895 als Mitglied der evangelischen Synode, von 1878 bis 1895 als Kirchenrat. Er stiftet dem Bürgerort Stettfurt, das um 1900 sein Gotteshaus bedeutsam verändert, anstelle des zwiebeltürmigen Dachreiters einen neuen Kirchturmhelm samt vier neuen Glocken. Dazu legt der Mäzen im Jahre 1906 den finanziellen Grundstein für ein neues Pfarrhaus.

Schloss gekauft und verschenkt

Die Bachmanns aus Stettfurt machen sich auch um das Schloss Frauenfeld verdient. Der Thurgau möchte im 19. Jahrhundert das Schloss Frauenfeld, sein berühmtes Baudenkmal, abstossen. Und die Thurgauische Hypothekarbank beabsichtigt, das Schloss auf Abbruch zu kaufen, um an seiner Stelle ein Bankgebäude zu errichten. Da erwirbt Johann Jakob Bachmann, der Vater Jakob Huldreichs das Schloss und bewahrt es. Viel Ungemach aber bereitet Bachmann seine Absicht, beim Schloss eine grosszügige Parkanlage einzurichten. Jedoch eine Mehrheit stimmt für den Bau der Post. Der Kanton vereinbart später mit Marie Bachmann (1879–1955), dem letzten Spross der Familie, das Schloss für die Einrichtung eines Museums zu verwenden, was 1960 realisiert werden kann.

Ein ehrender Nachruf

Die Thurgauer Zeitung ehrt den in Stettfurt nach einem reichen Leben am 26. August 1915 verstorbenen früheren Bundesrichter mit den Worten: «Er hat bewiesen, dass das wahrhaft Tüchtige ohne Streberei, lediglich durch das Gewicht seiner tatsächlichen Leistungen, die werbende Kraft seines Charakters und den heiligen Eifer, mit dem er für seine Überzeugung einsteht, auch in der Demokratie seinen Weg machen kann.»

Der frühere Kantonsschullehrer Hänzi fügt in seiner Publikation «Jakob Huldreich Bachmann, Jugenderinnerungen und Biographie» aus mündlichen Quellen hinzu: «Während Bachmann auf dem Krankenlager mit dem Tode rang, reiften Gras und Korn, und fuhr der Landmann die Ernte in die Scheunen. Damit nun das Knarren und Quietschen der Wagen den kranken Mitbürger nicht belästige, legten die Bauern die Strasse neben dem Richterhaus mit Stroh aus. Diese wohl seltene, schlichte und wortlose Rücksichtnahme bezeugt aufs schönste die Verbundenheit des Dorfes mit seinem bedeutenden Sohn.»

Der Autor ist ehemaliger Pfarrer in Elgg

Bundesrichter Bachmann. (Bild: pd)

Bundesrichter Bachmann. (Bild: pd)