DIGITALISIERUNG: Kanton öffnet seinen Datenschatz

Der Thurgau will Daten, die in der Verwaltung anfallen, vermehrt der Öffentlichkeit zur Weiterverwendung kostenlos zugänglich machen. Durch das sogenannte Open Government Data erhofft man sich innovative Angebote.

Sebastian Keller
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Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Der Kanton Thurgau befreit seine Daten. Heute schlummern sie in Bundesordnern und auf Servern. «In der öffentlichen Verwaltung wird gearbeitet, es fallen viele Daten an», sagte Kantonsstatistikerin Ulrike Baldenweg an einer Medienorientierung in Frauenfeld. Im Rahmen der Strategie Open Government Data (OGD; siehe Kasten) sollen die Daten der Verwaltung der All­gemeinheit zugänglich gemacht werden. Nicht nur das: Die Daten sollen frei benutzt, weiterverwendet und geteilt werden dürfen. Als kostenfreies Rohmaterial sozusagen. Die Daten können die Basis für eine Geschäftsidee bilden. Deshalb müssen sie maschinenlesbar sein. Das heisst: Sie sollen nicht abgetippt werden müssen.

Zur Illustration, was aufgrund freier Daten entstehen kann, war Mathias Wellig angereist. Er ist Chef von Ubique. Das Unternehmen ist weniger bekannt als eines seiner Produkte. Wellig und sein Team haben die neue SBB-App mitentwickelt. Ein zentrales Element dieses Smartphone-Programms ist der Touch-Fahrplan. Mit einem Wisch über den Bildschirm kann der Fahrplan ab­gefragt werden. Ohne die frei verfügbaren Daten wäre diese Applikation nicht möglich gewesen, sagte Wellig. Denn: Auch die rohen Fahrplandaten sind öffentlich verfügbar. Jedermann kann – wenn er die Idee und die Fähigkeiten hat – Programme mit diesen Daten entwickeln. «Daten sind das neue Erdöl», sagte Ma­thias Wellig.

Mögliche Nutzer der Daten aus der Kantonsverwaltung sind Unternehmer, Wissenschafter, Datenjournalisten, Privatpersonen und Hobby-Entwickler. «Die Daten sind die Grundlage für ­Innovation und wirtschaftliches Wachstum, zudem steigern sie die Transparenz und die Partizipation», sagte Baldenweg. Sie zitierte eine Studie, die das volkswirtschaftliche Potenzial auf bis zu 1,2 Milliarden Franken im Jahr schätzt.

Bis jetzt nur Daten von drei Ämtern

Bis gestern hat der Kanton ­Thurgau 19 Datensätze auf der schweizweiten Open-Data-Plattform veröffentlicht. Zu finden sind vorerst Daten der Dienst­stelle für Statistik, des Amtes für Geoinformation und des Amtes für Umwelt. Baldenweg: «Wir haben uns für Ämter entschieden, die sowieso Daten produzieren und die nicht heikel sind.» Zu finden sind beispielsweise Grundwasserkarte, Daten zur Erdwärme, aber auch statistische Auswertungen zu Grossratswahlen. «Wir streben an, dass der Re­gierungsrat im Herbst 2018 ­beschliesst, das Konzept auf die gesamte kantonale Verwaltung auszudehnen», sagte die Kantonsstatistikerin. Die Daten sollen dannzumal während des normalen Geschäftsprozesses für die öffentliche Weiterverwendung aufbereitet werden. Um das Vorhaben voranzutreiben, hat der Kanton mit Daniela Koller eine OGD-Koordinatorin angestellt; sie arbeitet seit April in einem 50-Prozent-Pensum. Koller koordiniert und plant zusammen mit den Ämtern die Datenpublikation. Zudem baut sie mit Nutzern einen Dialog auf und organisiert Veranstaltungen.

André Golliez präsidiert den Verein Opendata.ch. Die Organisation kämpft für freie Daten. «Der Thurgau ist ganz weit ­vorne», sagte er. Er sei erst der vierte Kanton, der seine Daten schrittweise öffentlich verfügbar mache. Basel-Stadt, Zürich und Genf sind schon länger daran.

Ulrike Baldenweg betonte mehrfach, dass nicht alle Daten veröffentlicht werden. Personendaten bleiben ebenso unter Verschluss wie sicherheitsrelevante Daten. Dies zu überwachen ist eine Aufgabe des Datenschutz­beauftragten. Fritz Tanner ist Beisitzer im OGD-Ausschuss des Kantons. Er sagte: «Wir müssen aufpassen, dass Personen nicht bestimmbar werden.»

Gespannt wartet man beim Kanton aber vorerst, welche ­neuen – und auch ungeahnten – Anwendungen mit den Daten entstehen, die zuvor in Bundesordnern und auf Server geschlummert haben.