DIESSENHOFEN: «Macht ein Löwe Winterschlaf?»

Derzeit besuchen zehn Primarschüler die Einführungsklasse für Fremdsprachige. Ein Besuch zeigt, wie die Kinder Deutsch lernen. Dabei stossen sie auf schwierige Wörter wie «verabreden» oder «Eichhörnchen».

Rahel Haag
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«Ein Kopf, zwei Köpfe»: Barbara Heimlicher übt mit drei Schülerinnen die Bezeichnungen der Körperteile. (Bild: Reto Martin)

«Ein Kopf, zwei Köpfe»: Barbara Heimlicher übt mit drei Schülerinnen die Bezeichnungen der Körperteile. (Bild: Reto Martin)

Rahel Haag

rahel.haag

@thurgauerzeitung.ch

Um 10 Uhr haben die Primarschüler gerade Pause. Da geht es laut zu und her. Die Kinder rennen, lachen, schreien. Die überschüssige Energie bahnt sich ihren Weg. Im Innern des über hundert Jahre alten Schulhauses herrscht dagegen Stille. Die beschrifteten Kleiderhaken vor den Klassenzimmern sind verwaist. Nur die Finken sind zurückgeblieben. Dann erklingt der Gong und die Kinder strömen lärmend herein. Schuhe werden wieder gegen Finken getauscht. Dann kann der Unterricht weitergehen.

Vier Primarschüler – drei Mädchen und ein Bub – huschen um kurz vor 10.15 Uhr in das Schulzimmer von Barbara Heimlicher im zweiten Stock. Bei ihnen steht Deutsch auf dem Programm. Sie besuchen, wie sechs weitere Schüler, die Einführungsklasse für Fremdsprachige der Volksschulgemeinde Region Diessenhofen (siehe Interview). Die Schulgemeinde finanziert die Massnahme mit Geldern des Kantons sowie Steuergeldern.

Die Mädchen besuchen die dritte Klasse. Zwei von ihnen sind seit zweieinhalb Jahren in der Schweiz, das Dritte seit gut einem Jahr. Sie setzen sich gemeinsam mit Heimlicher an einen runden Tisch im hinteren Teil des Schulzimmers. Der Bub sitzt derweil an seinem Platz und übt für sich und mit Hilfe eines Arbeitshefts die Bezeichnungen der Farben. Der Zweitklässler ist erst vor einem Monat in die Schweiz gekommen.

Lautes Vorlesen macht nervös

«So, jetzt wollen wir lesen», sagt Barbara Heimlicher nach der Begrüssung. Die Hausaufgabe der Mädchen bestand darin, lesen zu üben. Jedes bekam dafür einen kurzen Text, den es vorbereiten sollte. Das Mädchen, das noch nicht so lange in der Schweiz lebt, scheint sich zuerst ein wenig zu schämen und sagt, dass sie leise besser lesen könne als laut. Heimlicher sagt, dass es normal sei, dass man beim Vorlesen etwas nervös sei. «Ja», sagt das Mädchen, «ich bin Angst wenn alle schauen.» «Ich habe Angst», korrigiert Heimlicher sanft.

In den drei Texten geht es um Situationen am Bahnhof. Sie alle lesen flüssig und machen kaum Fehler. Nur Wörter wie «verabreden» bereiten im ersten Anlauf Schwierigkeiten. Dennoch sind die Schülerinnen äusserst selbstkritisch. Auf die Frage von Heimlicher, ob es gut gelesen habe, schüttelt das eine Mädchen den Kopf. Es blickt auf seine rotlackierten Fingernägel, von denen stellenweise schon der Lack abgeblättert ist und sagt halblaut: «Nein.» Doch die anderen beiden protestieren und loben. Auch Heimlicher widerspricht, sagt «verabreden» sei ein langes und schwieriges Wort. Sie sei mit allen sehr zufrieden. «Wenn ihr Lesen trainiert, lernt ihr viel.»

Dann werden die Bezeichnungen von Körperteilen geübt. Deren Einzahl- und Mehrzahlformen. Hierfür verteilen sich die Mädchen kichernd im Raum, setzen sich auf den Boden und lösen eine Aufgabe im Arbeitsheft. Währenddessen fragt Barbara Heimlicher mit Hilfe von Farbstiften den Buben ab. «Sehr gut», sagt sie und fragt: «Hast du zu Hause geübt?» Der Bub nickt. Dann zeigt sie ihm zwei grüne Farbstifte und erklärt, der eine sei dunkel-, der andere hellgrün. Wieder nickt der Bub und spricht ihr langsam nach.
 

«Wisst ihr, was ein Purzelbaum ist?»

Für die Mädchen gibt es anschliessend verschiedene Rätsel. Gesucht sind die gelernten Körperteile. Jede Schülerin liest eine Umschreibung vor, dann wird die Antwort gesucht. Eines der Rätsel lautet: «Beim Purzelbaum macht man ihn ganz rund.» Die Mädchen schauen sich ratlos an. «Wisst ihr, was ein Purzelbaum ist?», fragt Heimlicher. «Ein Baum», lautet die Antwort. «Nein, einen Purzelbaum macht ihr im Turnen.» Eines der Mädchen macht ein ungläubiges Gesicht. Bis Heimlicher in die Hocke geht und den ominösen Purzelbaum ansatzweise vormacht. Die Augen weiten sich, das Aha-Erlebnis ist ihnen anzusehen. «Rücken», rufen sie strahlend.

Am Ende der Lektion gehen die drei Mädchen in ihre Regelklassen. Der Bub bleibt und setzt sich an einen Lerncomputer, ein weiterer Bub kommt hinzu. Er besucht die zweite Klasse und lebt seit gut zwei Jahren in der Schweiz. Mit ihm hört sich Heimlicher ein Lied an, in dem es darum geht, wie die Tiere sich während des Winters verhalten. Auf diese Weise lernt er die Namen der Tiere. Das «Eichhörnchen» bereitet ihm zu Beginn ein wenig Mühe. «Die Schwalbe fliegt nach Afrika», heisst es im Lied. Dort leben weitere Tiere, die es zu benennen gilt. Unter anderem ein Löwe. Nachdem der Bub zuvor gelernt hat, dass ein Bär Winterschlaf hält, fragt er: «Macht ein Löwe auch Winterschlaf?»