Dieser Vogel resigniert nicht

«Es ist Besuch da», sagt meine Frau Turmspatz und führt eine junge Frau in die Stube. «Ich bin Carla», sagt sie, setzt sich und zieht einen Laptop aus ihrer Tasche. Meine Frau Turmspatz stellt eine weitere Tasse auf den Tisch und schenkt ein.

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«Es ist Besuch da», sagt meine Frau Turmspatz und führt eine junge Frau in die Stube. «Ich bin Carla», sagt sie, setzt sich und zieht einen Laptop aus ihrer Tasche. Meine Frau Turmspatz stellt eine weitere Tasse auf den Tisch und schenkt ein. «Ich komme aus Sempach», sagt Carla, «von der Vogelwarte. Ich bin Ornithologin.» «Eine Vogelkundlerin?» Ich lasse ein Stück Kandis in meinem Tee versinken. «Was möchtest du wissen?» «Der Spatz war Vogel des Jahres 2015, nun wollte ich fragen, wie das so war.» «Es war grossartig für uns», meine Frau plustert sich auf, «eine Mischung aus Apfelkönigin und Steckborner des Jahres.» «Ach was, wir Spatzen an Untersee und Rhein werden kaum beachtet. Zwar weise ich dauernd auf Missstände hin, doch die Leute nehmen das nicht ernst.» «Missstände?» Carlas Finger tanzen über die Tastatur. «Aber sicher, ich machte mehrmals auf die mangelnde Beachtung unserer Region aufmerksam, so gab es bei den Nationalratswahlen kaum ernst zu nehmende Kandidaten aus unserer Gegend, der neue Bundesrat ist ein Welscher, der Papst ein Südamerikaner und Fifa-Präsident wird wohl kaum ein Steckborner. Eine Apfelkönigin hatten wir noch nie, auch keinen Träger des Thurgauer Kulturpreises.» «Wie steht es mit den Nistmöglichkeiten?» «Nicht schlecht», sagt meine Frau, «es wird gebaut wie noch nie.» Ich ergänze: «Wohnblocks, keine gewachsenen Häuser mit schönen Dachuntersichten, wo das Vogelherz lacht.» «Hast du schon resigniert?», fragt die Ornithologin. «Der und resignieren?» Meine Frau lacht. «Der Turmspatz braucht Unterflurcontainer, Gewächshäuser, Geothermiebohrungen und Einkaufstouristen, dann wetzt er seinen Schnabel und spottet, was das Zeug hält.» Das Lob meiner Frau rührt mich, insgeheim nehme ich mir vor, sie für die Wahl zur Apfelkönigin vorzuschlagen. Oder zur Steckbornerin des Jahres.

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