Die Wassernot bannen

Die Schweiz und Österreich nehmen ein Generationenwerk in Angriff: Die Erhöhung der Hochwassersicherheit am Rhein entlang der gemeinsamen Landesgrenze.

Silvan Lüchinger
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Die Siedlungen sind nahe an den Rhein gerückt – entsprechend hoch könnten die Schäden sein, wenn der Fluss bei Hochwasser ausbricht. (Bild: Markus Hostmann)

Die Siedlungen sind nahe an den Rhein gerückt – entsprechend hoch könnten die Schäden sein, wenn der Fluss bei Hochwasser ausbricht. (Bild: Markus Hostmann)

Nach Wochen praktisch ohne Niederschläge tarnt sich der Rhein als harmloser Bach. In anständigen Stiefeln könnte er problemlos durchwatet werden. Entladen sich aber irgendwo in seinem grossen Einzugsgebiet schwere Unwetter, kann das innert weniger Stunden ganz anders sein. Dann schiessen Milliarden Liter graues Wasser durchs Rheintal dem Bodensee zu.

Die heutigen Dämme sind auf ein Jahrhundert-Hochwasser von 3100 Kubikmetern pro Sekunde ausgelegt. Kommt mehr, reden die Wasserbauer vom «Überlastfall» – wenn die Dämme nicht schon vorher gebrochen sind.

«Bisher Glück gehabt»

«Der Rhein kommt!» Über Jahrhunderte ging der Schreckensruf immer wieder durch die Rheintaler Dörfer. Für das 18. Jahrhundert sind 17 grosse Hochwasser festgehalten, für das 19. Jahrhundert sind es über 20. Eine Wende brachte der erste Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Österreich von 1892. Die beiden Nachbarstaaten einigten sich darin auf einschneidende Massnahmen zur Eindämmung der Rheingefahr. Bekannteste Bauwerke sind der Diepoldsauer und der Fussacher Durchstich, die den Flusslauf begradigten und dem Fluss eine neue Mündung gaben.

Rhein-Hochwasser gab es auch seither noch, sogar Dammbrüche, aber zur grossen Katastrophe kam es nie. «Wir haben ganz einfach Glück gehabt», sagt Markus Mähr. Der Vorarlberger ist Leiter des Projekts «Zukunft Alpenrhein», das diese Katastrophe auch in Zukunft verhindern soll.

Bauzeit 20 Jahre

«Zukunft Alpenrhein» will sicherstellen, dass im Rhein künftig 4300 Kubikmeter pro Sekunde abfliessen können. Möglich ist eine markante Erhöhung der Dämme, die Tieferlegung der Flusssohle, die Verbreiterung des ganzen Gerinnes – oder eine Kombination dieser Massnahmen.

Im Gegensatz zu früheren Eingriffen ist die Verbesserung der Hochwassersicherheit aber nur ein Kriterium, dem das Projekt genügen muss. Die angrenzenden Gemeinden werden auf den Schutz des Grundwassers drängen, die Fischer werden ihre Interessen einbringen und die Bauern sich gegen den Verlust von Kulturland wehren. Kommt hinzu, dass eine ökologische Aufwertung der heute steril anmutenden Flusslandschaft dringend geboten scheint.

Vorgesehener Baubeginn ist Ende 2017. Bis dann will Markus Mähr «mit transparenter Planung und breitem Einbezug der Öffentlichkeit» jenes Projekt erarbeiten, das als «optimale Variante» innert 20 Jahren realisiert werden kann.