Die verlorenen Sinne

Turmspatz

Drucken
Teilen

«Welche Sinne brauchst du», fragt mich der Steckborner Turmspatz. «Geruch, Geschmack, Hören, Sehen und Tasten», antworte ich meinem Cousin. «Und die anderen acht Sinne?» Schulterzucken. Wenn ich nicht weiterweiss, fliege ich aus und suche die Antwort in der Umgebung. Vor dem Bahnhof lümmeln Jugendliche herum, mampfen Budget-Chips aus knisternden Säcken, trinken übersüsste Koffeingetränke, drücken die Aludosen zusammen und schauen dem Rauch ihrer Zigaretten nach. Weil schlechter Geschmack kein Sinn ist, bleibt es wohl bei fünf.

Am Geisslibach geniesse ich das Rauschen der Blätter, knabbere ein paar Samen, rieche das frische Heu, höre das Zirpen der Grillen und schaue den Wellen zu, wie sie dem Ufer entlangstreichen. Das alles beruhigt mich normalerweise. Doch seit dem Spruch meines Cousins frage ich mich, was es sonst noch Anregendes geben könnte zwischen Himmel und Erde.

Die Unruhe treibt mich weiter nach Schlattingen, fast wäre ich mit dem Schild «Drei10 Sinne» zusammengestossen. Zu meinen fünf bekannten kommen acht weitere. Vor mir ein Garten mit Gewürzbeeten und gemütlichem Sitzplatz, im Haus eine heimelige Gaststube und die ausgeräumte Küche. «Was ist das?», frage ich eine Krähe. «Das war», sagt sie besserwisserisch, «ein Restaurant für Leute, die das Besondere suchten, die zusätzlichen Sinne von warm über knusprig bis saisonal und umami.» – «Ich komme niemals auf dreizehn», sage ich. «Der letzte Sinn», erklärt die Krähe, «ist die Leere im Geldbeutel, wenn du die Rechnung bezahlt hast.» – «Und wo sind diese Sinne jetzt?» – «Mit den Köchen in Hamburg», krächzt die Krähe und fliegt davon. Das finde ich beruhigend. Nun können wir uns wieder unseren fünf Sinnen widmen.

Aktuelle Nachrichten