Die unglaubliche Reise der Lara

Die bekannte Poetry-Slammerin Lara Stoll klaut mit Duden, dem Hund, ein paar Hooligans ein Auto und lässt das Publikum bei der «Büx» in Sirnach mitsingen – schräg und unterhaltsam.

Michael Hug
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Lara Stoll gab sich bei der «Büx» jugendlich locker. (Bild: mhu)

Lara Stoll gab sich bei der «Büx» jugendlich locker. (Bild: mhu)

SIRNACH. Die unglaubliche Reise der Lara – ohne Hanni und Nanni wohlbemerkt, die sind tot – beginnt auf einem John Deere 7810 mit Power Shift und Gewicht in der Fronthydraulik. Lara Stoll betritt nicht die Bühne, sie befährt sie mit einem Traktor. 170 PS hat so ein Ding, und Männerprobleme wären wie weggefegt – wäre sie so ein John Deere 7810 mit Power Shift und Gewicht in der Fronthydraulik.

Stoll sagt es mit einer gewissen Zerknirschung zwischen den Zeilen, offenbar hat sie schlechte Erfahrungen gemacht, welcher Art die sind, erzählt die 24-Jährige auf der nächsten Station ihrer verrückten Reise.

Liebes Reisetagebuch

«Liebes Reisetagebuch,» schreibt sie nach einem jedem weiteren Abenteuer. Auch das mit den Männern ist so ein Abenteuer, respektive sind es sechs, denn sechs Männer hat sie verbraucht, um herauszufinden, dass sie sich als Probelauf für das Halten eines Hundes nicht eignen.

Doch weil die Reisende ihre Hoffnung nicht aufgibt, läuft ihr, in Bern übrigens, wo sie den Bundesräten gehörig ihre Meinung sagt, Duden über den Weg. «Du, den nehm ich», sagt sie sich und so begleitet der junge gutaussehende Literat Lara ein Stück ihres Weges. Die Trennung von Duden, was nicht verwundert, ist Lara doch gewiss keine Einfache, verläuft für diese katastrophal, verliert sie doch vorübergehend die Gabe des folgerichtigen Zusammenfügens von Buchstaben und Worten zu verständlichen Sätzen.

Pforte zum Poetry-Himmel

Jetzt wird ihr Ausdrucksweise wahrlich skurril, für einen normalen Menschen wäre es der Schritt in die Vereinsamung. Für eine Slammerin ist es aber die Pforte zum Poetry-Himmel. Seit Lara Stoll die Kunst der Darbietung schräger, im jugendlichen Unmut selbstfabrizierter Literatur öffentlich ausübt, seit rund fünf Jahren, wird sie mit nationalen und internationalen Preisen regelrecht überschüttet.

Zuletzt schaffte sie den Sprung zum höchsten aller Gefühle an der Schweizer Meisterschaft, kurz darauf und erst zwei Monate ist es her, die Nachdoppelung auf europäischer Ebene. Preise und Titel, eine Hör-CD und jetzt das erste, 90minütige Bühnenprogramm – der Erfolg hat die Schaffhauserin (noch) nicht korrumpiert.

Kindlich, naiv und frisch

Jugendlich, ja kindlich naiv und frisch schmeisst sie ihre Wort- und Satzkonstruktionen ins Publikum. Sie beweist dabei auch nicht minder ihr grossartiges Talent für schräge Geschichten. Absurd ist ihr Aufenthalt im «dummen Zelt», wo jeder nach 24 Stunden zur Strohballe wird. Schülerhaft, aber selbstbewusst ist ihre Huldigung an «Ueli», den besten aller Sieben in Bern, ihrer Meinung nach.

Dass sie es auch mit Dadaismus kann, beweist Stoll mit dem «Klammermessias», einem Texterguss der ausgeklammerten Art, schräg, ungelenk, unnötig, sinnentrückt.

Odyssee durch Zeit und Raum

Und weiter reist Lara auf ihrer Odyssee durch Zeit und Raum in einem Auto, das sie gemeinsam mit Duden ein paar Hooligans klaut, da braucht man weniger ein schlechtes Gewissen zu haben.

Schliesslich erlebt das Publikum eine Videoeinspielung eines inszenierten Mords, der im Verlust eines Auges der Protagonistin endet. Was diese, nun mit einer Augenbinde auftretend, zum «Augenlid» inspiriert, das, des eingängigen Refrains wegen, auch das Publikum mitsingen kann. «Hanni, Nanni und Ich», Lara Stolls Vorstellung (mit Simon Engler am Klavier) am vergangenen Freitag bei «Büx» im Sirnacher Löwen war erfrischend unterhaltsam und ein weiteres Lebenszeichen für die aus dem Untergrund getretene und sich in der Kleinkunstwelt etablierende Slammerszene.

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