Die Tage vor dem Einmarsch

KONSTANZ. Es ist der 20. April 1945: Die Erste Französische Armee rückt gegen Süden vor, und in der noch von den Nazis beherrschten Stadt Konstanz halten sich Tausende Flüchtlinge und Kriegsverwundete auf.

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KONSTANZ. Es ist der 20. April 1945: Die Erste Französische Armee rückt gegen Süden vor, und in der noch von den Nazis beherrschten Stadt Konstanz halten sich Tausende Flüchtlinge und Kriegsverwundete auf.

In seinem 1964 erschienenen Buch «Trotz Stacheldraht» schildert der Kreuzlinger Bezirksstatthalter Otto Raggenbass die Situation an der Grenze am Ende des Weltkriegs. In dramatischen Worten erzählt er die Geschehnisse in den letzten Tagen vor dem Einmarsch der Franzosen.

Treffen im «Trompeterschlössle»

Er erzählt von Evakuierungsplänen für Kinder, Frauen und Kranke über die Grenze und der Entfernung der Sprengladungen in der Rheinbrücke. Gemeinsam mit einem Vertreter vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes wollte er den französischen Truppen mitteilen, dass die Behörden und die Bevölkerung von Konstanz Angriffe unbedingt vermeiden wollten. Am 24. April fuhren sie mit einem weissen Jeep und der Friedensbotschaft los. Noch in Konstanz ersuchte sie ein Kurier, sofort ins «Trompeterschlössle» zu kommen. In dem Restaurant im Tägermoos kam es zu den heute legendären Geheimverhandlungen zwischen französischen Offizieren, Vertretern der Stadt Konstanz und der Schweizer Armee über die kampflose Besetzung. Die Forderung der Franzosen: die zuständigen deutschen Stellen sollen ihr Einverständnis geben, ansonsten werde die Stadt von Hunderten von Bombern bombardiert. Diese Entscheidung lag aber bei den Militärs und der Partei, nicht bei den Stadtbehörden. Diese wollten keinen Widerstand leisten und versuchten, die Wehrmacht und die SS vom Rückzug mit der Fähre nach Meersburg zu überzeugen, was vorerst nicht gelang. Wer mit den Franzosen verhandle, sei ein Verräter, zitiert Raggenbass die Aussage eines Sturmbannführer. Es folgte eine Nacht voller Verzweiflung mit weiteren ergebnislosen Versuchen. Am 25. April fuhr Raggenbass dann mit einem Jeep des Roten Kreuzes nach Radolfzell und überbrachte französischen Offizieren ein Bittschreiben.

Panzer auf der Rheinbrücke

Am Morgen des 26. April rollten die Panzer dann Richtung Konstanz. «Von Widerstand war keine Rede mehr», schreibt Raggenbass. Die verbliebenen 170 deutschen Soldaten hatten sich am Kreuzlinger Zoll versammelt, und die Schweizer Armee gewährte ihnen nach kurzer Verhandlung Durchlass und internierte sie. Kurz bevor die Panzer über die Rheinbrücke fuhren und die Franzosen die Stadt Konstanz als Besatzungsmacht übernahmen. «Am Abend des 26. April spürte ein jeder in Kreuzlingen eine beglückende Freude», schreibt Raggenbass. (ubr)

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