Die Spitex-Frau heilt alle Wunden

MATZINGEN/STETTFURT/THUNDORF. Andrea Hofmann ist eine von sieben Pflegefachfrauen der Spitex Matzingen Stettfurt Thundorf. Sie betreut Dorfbewohner aus allen Schichten und erhält dabei Einblick in Häuser und Schicksale. Die TZ war dabei.

Melissa Müller
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Andrea Hofmann pflegt nicht nur Verletzungen. «Der soziale Kontakt ist für viele unsere Patienten ebenso wichtig», sagt sie. (Bild: Nana do Carmo)

Andrea Hofmann pflegt nicht nur Verletzungen. «Der soziale Kontakt ist für viele unsere Patienten ebenso wichtig», sagt sie. (Bild: Nana do Carmo)

Im weissen Spitex-Auto fährt Andrea Hofmann den Hügel hinauf zu einem abgelegenen Hof, irgendwo bei Thundorf. Die junge Frau mit dem blonden Pferdeschwanz klopft an die Tür. Sie hat einen grauen Koffer mit Patientenakten dabei. Drinnen auf dem Sofa liegt eine alte Frau, nennen wir sie Clara, eingewickelt in eine Wolldecke. Ein Kachelofen, alte Fotos und ein ausgestopftes Rehkitz schmücken die Stube.

«Hoi Clara», begrüsst Andrea Hofmann die Patientin. «Wie häsch es?» – «Befriedigend», sagt die betagte Bauersfrau. Ihr Körper ist gekrümmt von der schweren Arbeit auf dem Hof. Sie führt ein bescheidenes Leben, kocht für sich in einer russgeschwärzten Küche an einem Holzherd. Sie erzählt von alten Zeiten, als Rösti mit Hafergrütze gegessen wurde, weil man nichts anderes hatte.

Der nächste Patient wartet

Andrea Hofmann begleitet die Patientin auf die Waage, notiert ihr Gewicht: 51 Kilogramm. Die Frau hat zu viel Wasser in den Beinen. Dann hilft Andrea Hofmann ihr, die Stützstrümpfe anzuziehen. Solche Hilfestellungen ermöglichen es der Bewohnerin, den Lebensabend in ihrem vertrauten Umfeld zu verbringen. Dank Spitex kann sie Herrin ihres Hauses bleiben.

«Kommst Du auch an die Viehschau, Clara?», fragt die Spitex-Frau beim Verabschieden. Dann steigt sie ins Auto: Der nächste Patient wartet schon.

Bei Not zur Stelle

Andrea Hofmann ist eine von sieben diplomierten Krankenpflegerinnen der Spitex Matzingen Stettfurt Thundorf. Sie springt ein, wo Not am Mann oder an der Frau ist. Die gelernte Krankenschwester pflegt Kundinnen und Kunden aus allen Schichten, betreut Bewohner eleganter Villen und bescheidener Bauernhöfe, und bisweilen muss sie auch in einen verwahrlosten Haushalt, in dem es nach Urin riecht und der Boden unter den Füssen klebt.

Als Krankenschwester musste sie sich daran gewöhnen, dass bei Spitex-Kunden nicht immer so sterile Verhältnisse herrschen wie im Spital. Selbstüberwindung gehört immer wieder dazu: «Ich habe fürchterliche Angst vor Schlangen. Einmal musste ich eine Patientin, die ein Terrarium hatte, in Gegenwart der Schlangen pflegen.»

Es kommt vor, dass sich Andrea Hofmann ohnmächtig fühlt. «Ich habe einmal einen krebskranken jungen Familienvater gepflegt, während seine Kinder umherkrabbelten. Und ich wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte.»

Manche ältere Bauern, die sie betreut, leben fast so ärmlich wie zu Gotthelfs Zeiten. Andrea Hofmann ist selber Bäuerin, allerdings führt sie mit ihrem Mann einen modernen Betrieb. Bevor sie morgens in ihre weisse Spitex-Schürze schlüpft, muss sie Kälber füttern. Daneben zieht die 30-Jährige noch ein zehnjähriges Mädchen und einen dreijährigen Buben auf und engagiert sich als Sonntagsschullehrerin.

Es duftet nach Gemüsesuppe

Die pflegebedürftigen Leute bewundern die tüchtige junge Frau. Und sie lieben es, sich mit ihr über landwirtschaftliche Themen zu unterhalten. Am liebsten würden sie das den ganzen Tag tun, sie lassen sie nur ungern weiterziehen.

«Blühen bei Ihnen schon die Kirschbäume? Fliegen die Bienen?», will eine Patientin wissen. «Ich bringe Ihnen ein paar Chriesi mit, sobald sie reif sind», verspricht Andrea Hofmann. «Aber kommen Sie mir bloss nicht auf die Idee, wieder auf einen Baum zu klettern», ermahnt sie die gebrechliche Frau, in deren Stube es nach Gemüsesuppe duftet. Obschon beinahe 90, besorgt die Frau Haus und Garten immer noch selber. «Die Arbeit hält mich in Form», sagt sie stolz und streift sich durch das graumelierte Haar.

Dennoch ist sie auf die Spitex angewiesen, kürzlich beim Holzholen ist sie gestürzt. Die Wunde heilt langsam, weil sie Alterszucker hat. Darum wechseln die Spitex-Frauen regelmässig das Pflaster und behandeln die verletzte Haut mit Gel.

Sie leisten aber noch weit mehr. Für manche Patienten bedeutet ihr Besuch eine sehnlich erwartete Abwechslung. «Der soziale Kontakt ist manchmal fast das Wichtigste», sagt Andrea Hofmann.

Zeit zum Zuhören und Trösten

Auch Sylvia Brassel, der Betriebsleiterin der Spitex Matzingen Stettfurt Thundorf, ist die soziale Funktion der Spitex wichtig. Bei Krisensituationen, etwa wenn ein Patient einen Angehörigen verliert, dürfen sich ihre Mitarbeiterinnen auch einmal eine Stunde Zeit nehmen zum Zuhören und Trösten. «Das finanzieren wir durch einen Fonds aus Spendengeldern», sagt Sylvia Brassel.

Einerseits müssen Spitex-Frauen jede Minute aufschreiben, jeden Arbeitsschritt dokumentieren. Sie stehen unter Kostendruck. Andererseits wollen sie sich die Zeit für einen Schwatz mit ihren Kunden nicht nehmen lassen. «Wenn das nicht möglich wäre, würde ich diese Arbeit nicht machen wollen», sagt Andrea Hofmann.

Pflegefachfrau Martha Winteler packt seit über dreissig Jahren bei der Spitex mit an. Sie hat sich auf das Betreuen von Krebspatienten im Endstadium spezialisiert. Auch dabei spielt die Spitex eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, Angehörige zu entlasten. «Ein Grossteil der Dorfbewohner will zu Hause sterben», sagt sie.