Die Sozialhilfe altert

In der Arbeitslosen- und Sozialhilfestatistik steigt der Anteil über 55-Jähriger. Ein staatlicher Eingriff, um ihre Chancen zu verbessern, würde dem Arbeitsmarkt aber eher schaden, sagt der Leiter des Thurgauer Amtes für Wirtschaft.

Silvan Meile
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Edgar Sidamgrotzki Leiter Amt für Wirtschaft des Kantons Thurgau (Bild: Reto Martin)

Edgar Sidamgrotzki Leiter Amt für Wirtschaft des Kantons Thurgau (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Der Anteil an älteren Personen steigt nicht nur in der Gesamtbevölkerung, sondern auch in der Sozialhilfe. «In den letzten Jahren rutschten immer mehr 56- bis 64-Jährige in die Sozialhilfe», steht in der aktuellen Sozialhilfestatistik des Kantons Thurgau. Einen Anstieg von 55 Prozent stellt SP-Kantonsrat Turi Schallenberg (Bürglen) seit dem Jahr 2009 fest. Vor fünf Jahren waren noch 294 Personen dieser Altersgruppe als Sozialhilfeempfänger im Thurgau erfasst. 2013 beläuft sich ihr Anteil auf 457 von insgesamt 4200 Personen.

Situation sei nicht gravierend

«Ältere Arbeitnehmer, die arbeitslos werden, brauchen offensichtlich intensivere Unterstützung, um im Arbeitsmarkt wieder Tritt zu fassen, damit sie nicht in die Sozialhilfe abrutschen und dort bis zur Pensionierung nicht mehr rauskommen», schreibt Schallenberg in einer Interpellation an den Regierungsrat. Er möchte darin wissen, welche Massnahmen dagegen unternommen werden.

«Das Thema beschäftigt uns schon lange», sagt Edgar Sidamgrotzki, Leiter des kantonalen Amts für Wirtschaft. Tendenziell steige der Anteil der über 50jährigen Arbeitslosen auch im Thurgau latent an. Sidamgrotzki warnt jedoch vor einer Verallgemeinerung: «Es ist nicht generell so, dass ältere Arbeitslose überhaupt nichts finden, jüngere hingegen problemlos den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt schaffen», sagt er.

Ausgesteuerte sind oft jung

Zwar widerspiegeln sich die demographischen Strukturen auch in der Arbeitslosenstatistik. «Die Gesamtsituation ist aber noch nicht gravierend», sagt der Amtsstellenleiter, «der Einzelfall kann hingegen äusserst tragisch sein.»

Die Problematik betrifft nicht nur Ältere. Denn ein Blick auf die Altersstrukturen ausgesteuerter Personen zeigt, dass im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der 886 ausgesteuerten Personen unter 45 Jahre alt waren, erklärt Sidamgrotzki.

Sie verloren somit – wie die Älteren – nach monatelanger erfolgloser Arbeitssuche den Anspruch auf Arbeitslosengeld und gelten als ausgesteuert. Wer dann keine Arbeit mehr findet, kein Zusatzeinkommen oder Vermögen hat, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, rutscht in die Sozialhilfe ab. 20 bis 25 Prozent der Ausgesteuerten würden sich erfahrungsgemäss daraufhin im Laufe der Jahre bei ihrer Wohngemeinde für eine Unterstützung oder sogar Sozialhilfe anmelden, weiss Sidamgrotzki.

«Wer einige Jahre vor der ordentlichen Pension keine Stelle mehr findet und in die Sozialhilfe abrutscht, schafft die Re-Integration in den Arbeitsmarkt kaum mehr», sagt Florina Wohnlich, Leiterin des kantonalen Sozialamtes. Allenfalls müsse man in der Sozialhilfe diesem Aspekt der beeinträchtigten Chancen der älteren Generationen auf dem Arbeitsmarkt künftig mehr Rechnung tragen.

Altersquote ist unerwünscht

Einem staatlichen Eingriff steht Sidamgrotzki kritisch gegenüber. Bei Personen im Alter nehme die Wahrscheinlichkeit von Einschränkungen tendenziell zu. Etwa die körperliche Verfassung, die individuelle Auffassungsgabe oder verändernde Anforderungen aufgrund gewandelter Technologien können die Chancen älterer Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt entscheidend schmälern. Das liege in der Natur der Sache. «Hier ist der Einfluss durch den Staat schwierig», sagt Sidamgrotzki. Den Firmen beispielsweise eine Quote an älteren Angestellten in der Belegschaft vorzuschreiben, würde dem Arbeitsmarkt letztlich mehr schaden als nützen, sagt der Amtsstellenleiter. Er erkenne aber ein Umdenken in der Privatwirtschaft. Bei drohendem Stellenverlust würden vermehrt innerbetriebliche Lösungen für ältere Mitarbeiter gefunden werden.