Die Sonne scheint über dem Nebelloch

Es ist der Nebel, nicht der Wolf. Jeden Herbst schleicht der Nebel durchs Thurtal, verschlingt in der Grossen Allmend jeweils ganze Schafherden. Aber irgendwann kam einer, der den Nebel zum Teufel jagen wollte. Hans Bachofner hiess er, heute alt Stadtammann von Frauenfeld.

Mathias Frei
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Zum ersten Mal mit Sonnenblumen: Hans Bachofner am 20. März 1997 im Rathaus. (Bild: TZ-Archiv)

Zum ersten Mal mit Sonnenblumen: Hans Bachofner am 20. März 1997 im Rathaus. (Bild: TZ-Archiv)

Es ist der Nebel, nicht der Wolf. Jeden Herbst schleicht der Nebel durchs Thurtal, verschlingt in der Grossen Allmend jeweils ganze Schafherden. Aber irgendwann kam einer, der den Nebel zum Teufel jagen wollte. Hans Bachofner hiess er, heute alt Stadtammann von Frauenfeld. Ein Mittwoch war es, 19. März 1997, als Bachofner erstmals von der Sonne über Frauenfeld sprach. «Die Sonne scheint über Frauenfeld»: Diese Worte hallen noch heute nach, Bachofner erhellte den Frauenfeldern ihr Gemüt. Sie dankten es ihm mit «Sonne über Frauenfeld»-Aufklebern auf ihren Autos. Noch heute, fast zwanzig Jahre später, sieht man Autos mit der stilisierten Sonne als Aufkleber. Die Sonne glüht nach, Bachofner ist längst abgetreten.

Hochnebel ist kein Nebel

Geblieben ist der Nebel. Seit 1971 hat es in den drei Herbstmonaten September, Oktober und November immer mindestens 14 Nebeltage gegeben. Das sind Tage, an denen die Sicht weniger als einen Kilometer beträgt. Im Schnitt musste man mit rund 22 nebligen Herbsttagen rechnen. Und es gab sogar Herbste mit über 40 Nebeltagen. Nur Hochnebel zählt im übrigen nicht als Nebeltag.

«Der primäre Grund für den häufigen Nebel in Frauenfeld ist die topographische Lage, nämlich die Mulde des Thurtals», sagt Stephan Bader von der Abteilung Klima beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz. Denn Nebel entstehe in einer Region bevorzugt an den tiefsten Stellen, dort wo sich die kälteste, schwerste Luft sammelt. Die Feuchtigkeit in der Nähe von grösseren Flüssen sei für die Nebelbildung natürlich zusätzlich förderlich, wie Bader sagt. Die Thur trägt also eine Mitschuld. «Um im Winterhalbjahr möglichst keinen Nebel im Flachland zu haben, sind Südwestströmungen notwendig, welche von Spanien oder Nordafrika her milde Luftmassen in die Schweiz transportieren. Wenn sich solche Südwestströmungen im Zusammenhang mit einem Hochdruckrücken einstellen, ist Sonne in Frauenfeld so gut wie garantiert», sagt der Meteorologe.

Gegen Winterthur gewonnen

Aber eben: Da war der 19. März 1997. Damals entschied sich der PTT-Verwaltungsrat für das Paketpostzentrum in Frauenfeld – und gegen den Standort Winterthur. «Wir hatten darauf hingefiebert», erzählt Bachofner in der Rückschau.

Tags darauf wurde im Rathaus die Aufbruchstimmung gefeiert. Und Bachofner war auf Bildern von damals mit Sonnenblumen zu sehen. «Das war eine spontane Idee», sagt er heute. Die Stadt lancierte einen Sonnenblumen-Wettbewerb. Am Ende gewann eine 4,32 Meter hohe Sonnenblume. «Wir überlegten uns, wie man das Thema in der Bevölkerung präsent halten konnte und kamen auf die Aufkleber», erinnert sich Bachofner. Stadtdrucker Richard Wagner besorgte die Umsetzung. Im Geschäftsbericht 1997 war vom Jahresmotto «Sonne über Frauenfeld» zu lesen. Das musste gefeiert werden. Nach dem grossen Stadtfest 1996 zum 750-Jahr-Jubiläum wurde 1997 der 751. Geburtstag der Stadt auf der Eduardsruh begangen.

«Es herrschte eine allgemeine Aufbruchstimmung, die sich auf die Bevölkerung übertrug», sagt Fredi Marty heute. Marty war damals städtischer Infochef. Unter Bachofners Führung hätten die federführenden Ämter, nämlich Tiefbauamt, Präsidialamt, Stadtkanzlei und Stadtentwicklung, hervorragend zusammengearbeitet. An Marty lag es damals, die «Sonne über Frauenfeld»-Kampagne medienwirksam zu begleiten, etwa mit Zwischenstandsmeldungen aus den Frauenfelder Gärten. «Im Laufe der Wochen und Monate verbreiteten sodann viele Autofahrerinnen und Autofahrer die Botschaft <Sonne über Frauenfeld>. Der Slogan hielt sich über mehrere Jahre», kann Marty heute feststellen.

Hauptsache: Im Grünen

Aus dem Jahresmotto «Sonne über Frauenfeld» wurde ein Jahrzehnte-Motto. Bachofner kann sich an «Die kleine Stadt im Grünen» erinnen, ein Slogan aus den 1980er-Jahren. Im letzten Interview als Stadtammann, das er der TZ Ende März 2005 gab, erzählt Bachofner, dass Frauenfeld selbstbewusster geworden sei. Denn er sei immer öfters aufgefordert worden, das Wort «klein» wegzulassen und nur noch von der «Stadt im Grünen» zu sprechen. Das Motto «Mitenand» löste 1991 «Die Stadt im Grünen» ab.

Und heute? «Unser neues Motto heisst <Frauenfeld bringt zusammen, was gutes Leben ausmacht>», erklärt Andreas Anderegg, der aktuelle Infochef der Stadt. Aber das neue Motto sei nie explizit vorgestellt worden, man arbeite schon längere Zeit damit.

Die Gewinner des Sonnenblumen-Wettbewerbs 1997: Giovanni und Regula Stefanelli mit Freunden. (Bild: pd/Stadtverwaltung Frauenfeld)

Die Gewinner des Sonnenblumen-Wettbewerbs 1997: Giovanni und Regula Stefanelli mit Freunden. (Bild: pd/Stadtverwaltung Frauenfeld)

Der bekannte Aufkleber am Auto von Erika Bachofner, Ehefrau von alt Stadtammann Hans Bachofner. (Bild: Mathias Frei)

Der bekannte Aufkleber am Auto von Erika Bachofner, Ehefrau von alt Stadtammann Hans Bachofner. (Bild: Mathias Frei)